3. Selbstbestimmung

Wie oben dargestellt wurde, ist die Förderung von Selbstbestimmung die Kernaussage des Empowerment-Konzepts. Was heißt Selbstbestimmung jedoch konkret? Wo beginnt Selbstbestimmung und wo endet sie? Darf es Selbstbestimmung um jeden Preis geben? Diese Fragen zeigen, dass es notwendig ist, auf den Sachverhalt Selbstbestimmung näher einzugehen.

3.1 Definition von Selbstbestimmung

Der Begriff "Selbstbestimmung" bezeichnet laut BROCKHAUS "die Möglichkeit und Fähigkeit des Individuums ... frei dem eigenen Willen gemäß zu handeln" (BROCKHAUS, 1993, 87). Mit "Wille" wird die Fähigkeit des Menschen bezeichnet, "sich bewusst für ein Verhalten zu entscheiden und ein Ziel anzustreben. Die Willensaktivität wird zu den kognitiven Fähigkeiten gerechnet" (MICHEL/NOVAK, 1991, 411). Demnach ist Selbstbestimmung an kognitive Fähigkeiten gebunden. KELLER/NOVAK bezeichnen den Begriff Selbstbestimmung als "die (relativ) freie Verfügbarkeit des Menschen über sich selbst und sein Verhalten" (KELLER/NOVAK 1993, 313). Selbstbestimmung heißt also nicht nur selbst über seine Handlungen und sein Verhalten bestimmen und entscheiden zu können, sondern auch über den eigenen Körper insgesamt bestimmen zu können. Zusammenfassend kann festgehalten werden: Unter Selbstbestimmung ist die Möglichkeit und die kognitive Fähigkeit eines Menschen zu verstehen, selbst Entscheidungen über sein Handeln, Verhalten und seinen Körper zu treffen.

3.2 Abgrenzung der Bezeichnungen “Selbstbestimmung” und “Selbständigkeit” voneinander

"Selbstbestimmung" ist nicht mit "Selbständigkeit" zu verwechseln, auch wenn beide Begriffe im allgemeinen Sprachgebrauch oft gleichbedeutend verwendet werden. So kann ein Mensch, etwa aufgrund einer Körperbehinderung oder Sehbehinderung in seiner Selbständigkeit erheblich eingeschränkt und daher bei der Bewältigung des Alltags auf intensive Hilfe angewiesen sein. Dies schließt jedoch gleichzeitig nicht automatisch aus, dass er selbst über sein Leben bestimmen und entscheiden kann. Denn, auch mit einer Körper- oder Sehbehinderung können Wünsche geäußert und Anweisungen gegeben werden, zum Beispiel wann, wo und welche Art von Hilfestellung benötigt werden. (vgl. FRÜHAUF, 1995, 9; HEIDEN, 1996, 19)

3.3 Relativität von Selbstbestimmung

Selbstbestimmung ist ein relativer Sachverhalt. Keinem Menschen auf der Welt, der in soziale Strukturen eingebunden ist, ist es möglich hundertprozentig selbstbestimmt zu leben. Laut FRÜHAUF wird die Selbstbestimmung "von Anteilen im Leben" bestimmt, "die durch das Individuum selbst oder durch die ihn beeinflussenden Mitmenschen gesteuert werden" (FRÜHAUF, 1995, 8). NIEHOFF geht davon aus, "dass die Handlungsspielräume jeder Person unterschiedlich groß sind und dass durch Veränderungen der Lebenssituation Entscheidungsräume erweitert oder verkleinert werden" (NIEHOFF, 1994, 190).

Der Grad der Selbstbestimmung ist abhängig von der Anzahl der Menschen, mit denen jemand in Beziehung steht. So kann ein Mensch, der alleine in einem Apartment wohnt, wesentlich mehr selbstbestimmt leben, als jemand, der mit fünf anderen Menschen in einer Wohngemeinschaft wohnt. In dem einen Fall ist es möglich, die Wohnung ganz nach den eigenen individuellen Vorstellungen einzurichten, während in dem anderen Fall die Wünsche der anderen fünf MitbewohnerInnen berücksichtigt werden müssen. Bei unterschiedlichen Vorstellungen und Interessen kann es schließlich notwendig werden Kompromisse einzugehen. In diesem Moment verzichten die einzelnen BewohnerInnen bewusst auf einen gewissen Teil an Selbstbestimmung und setzen sich bewusst einem entsprechenden Teil Fremdbestimmung aus, um schließlich ein Zusammenleben zu ermöglichen.

Der Grad der Selbstbestimmung ist aber auch abhängig von den Strukturen, in die man eingebunden ist. Zum Beispiel kann ein Mensch in einer Fabrik nur selten bestimmen, welche Arbeit er als nächstes ausführt. Dies entscheidet in der Regel dessen Vorgesetzter, der Meister. Der Mensch kann daher in der Arbeit durchaus starker Fremdbestimmung ausgesetzt sein, während er Zuhause in seiner Freizeit selbst bestimmen kann, ob er beispielsweise zuerst die Wohnung aufräumt und anschließend zum Einkaufen geht oder umgekehrt.

Letztendlich wird der Grad der Selbstbestimmung aber auch vom intellektuellen Entwicklungstand eines Menschen, von dessen Erfahrungen und Wissen und von den Informationen, die ihm zugänglich sind, bestimmt. RAUTER schreibt: "Was wir von den Bedingungen wissen, unter welchen wir handeln, entscheiden wir nicht selbst. Was wir von diesen Bedingungen wissen, hängt ab von den Informationen, die wir bekommen. Unser Einfluss darauf, welche Informationen wir bekommen, ist begrenzt. Wir können nicht Informationen finden, von welchen wir nicht wissen, dass sie uns fehlen" (RAUTER, 1971, 17). Wird einem durstigen Menschen nur die Möglichkeit gegeben, zwischen Apfelsaft und Orangensaft zu wählen, obwohl auch noch Traubensaft, Limo und Bier zur Verfügung stehen würden, wird dessen Selbstbestimmung eingeschränkt. Weiß der Betroffene nichts von den weiteren Auswahlmöglichkeiten, wird er nicht bemerken, dass jemand anderes für ihn eine Vorauswahl getroffen hat, dass seine Entscheidung beeinflusst und zu einem gewissen Grad Fremdbestimmt wurde.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Selbstbestimmung wird von vielen Faktoren beeinflusst. Ein Mensch kann durchaus in bestimmten Bereichen selbstbestimmt Leben, gleichzeitig jedoch in anderen Lebensbereichen relativ starker Fremdbestimmung ausgesetzt sein. Der Grad der Selbstbestimmung ist in der Lebensgeschichte eines Menschen einem ständigen Wandel unterworfen. FRÜHAUF spricht daher davon, dass es "immer um ein 'Mehr oder Weniger' an Selbstbestimmungsmöglichkeiten" gehe und "niemals um ein generelles 'Ja oder Nein'" (FRÜHAUF, 1995, 10).

3.4 Die Bedeutung von Selbstbestimmung für den Menschen

Der Mensch ist von Geburt an auf einen Zuwachs von Autonomie angelegt. Dies kann auf einen biologisch begründeten Drang nach “Selbsterhaltung” und “Selbstorganisation” zurückgeführt werden (vgl. SPECK, 1991, 111). Die Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit ist ohne Autonomie nicht denkbar. Menschen “benötigen Autonomie, um das je Eigene auszuprägen” (SPECK, 1993, 74).

Das Streben nach Autonomie, nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, “gehört wesenhaft zum Menschsein” (HAHN, 1995, 5). So sieht SENCKEL im Verhalten eines Säuglings, der zum Beispiel seine Ruhe haben möchte, und dies signalisiert “indem er seinen Kopf abwendet, die Augen schließt, Kontaktversuche mit einem Verziehen des Gesichtes oder mit Weinen beantwortet” den “frühesten Ausdruck” von Autonomiebestrebungen (SENCKEL, 1994, 38). HAHN sieht in der Tatsache, dass sich Menschen in vielen Ländern gegen “Unterdrückung und Diktatur wehren und Veränderungen in Richtung mehr Freiheit und Demokratie anstreben” einen Beweis dafür, dass “Selbstbestimmung ein Bedürfnis aller Menschen ist” (HAHN, 1995, 5 f.).

Welchen Stellenwert die Selbstbestimmung für Menschen hat, und wie wichtig sie für ihn ist, zeigt sich jedoch nicht nur in seinem Streben danach, sondern auch in dessen Angst vor einem Verlust von erlangter Autonomie und Kontrolle über sich selbst. So wird seit Beginn der Menschheitsgeschichte mit der Androhung von Entzug von Selbstbestimmungsmöglichkeiten, Autonomie und Freiheit versucht, Menschen von bestimmten Verhaltensweisen (z.B. Diebstahl) abzuhalten. Diese Art von Abschreckung greift jedoch nur dann, wenn der Mensch vor den Folgen Angst hat, weil die Folgen für ihn unangenehm wären. Und dies scheint der Fall zu sein. HAHN verweist in diesem Zusammenhang auf Straftäter, denen man Freiheit und damit Autonomie und Selbstbestimmung entzieht: “Dem Straftäter nimmt man etwas weg, was wesenhaft Menschsein ausmacht, um ihm Gefühle des Unwohlseins zuzuführen” (HAHN, 1995, 5).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Autonomie, und als ein Bestandteil davon die Selbstbestimmung, ein natürliches, biologisch begründbares Bedürfnis des Menschen darstellt und das das Wohlbefinden eines Menschen unter anderem von der Befriedigung dieses Bedürfnisses abhängt (vgl. HAHN, 1995, 6). Dies schließt jedoch gleichzeitig nicht aus, dass Menschen in bestimmten Lebensbereichen bewusst auf Selbstbestimmungsmöglichkeiten verzichten, wenn dies insgesamt als vorteilhaft erlebt wird. So begibt sich der Mensch in Abhängigkeitsverhältnisse und lässt einen gewissen Grad an Fremdbestimmung zu, wenn dies seiner Bedürfnisbefriedigung dient (vgl. HAHN, 1995, 8; vgl. auch 3.3).

3.5 Grenzen der Selbstbestimmung

Das Recht auf “die freie Entfaltung” der Persönlichkeit, und damit das Recht zur Selbstbestimmung, gehört zu den Menschenrechten. Dieses Recht findet jedoch dann seine Grenze, wenn dadurch “die Rechte anderer verletzt” werden (vgl. GRUNDGESETZ, Art. 2, Abs. 1). Selbstbestimmung ist also nicht gleich Selbstbestimmung. Es kann unterschieden werden, zwischen der Selbstbestimmung, die nur einen selbst betrifft (z.B. wenn ein Mensch, der alleine lebt, sich entscheidet, ein bestimmtes Bild an eine bestimmte Stelle in seiner Wohnung aufzuhängen) und der Selbstbestimmung, von der auch andere Menschen betroffen sind (z.B. wenn sich ein Mensch entscheidet, mit seinem Auto über eine Kreuzung zu fahren, obwohl die Ampel “rot” zeigt und so andere Menschen gefährdet).

Laut THEUNISSEN/PLAUTE können unter “Selbstbestimmung” zwei Grundpositionen ausgemacht werden. So kann Selbstbestimmung als eine “individualistische Kategorie” oder als eine “soziale Kategorie” verstanden werden (vgl. THEUNISSEN/PLAUTE, 1995, 51 ff.).

In der Selbstbestimmung als “individualistische Kategorie” stehen ein “rigider Egoismus und Individualismus” (THEUNISSEN/PLAUTE, 1995, 54) im Vordergrund. Wichtig ist nur die eigene Bedürfnisbefriedigung, ohne Rücksichtnahme auf die Mitmenschen. Diese Art von Selbstbestimmung führt zwangsläufig dazu, dass etwa die leistungsschwachen Mitglieder der Gesellschaft den leistungsstärkeren zunehmend in vielerlei Hinsicht unterliegen und letztendlich sich selbst überlassen bleiben. Diese Art von Selbstbestimmung ist daher entschieden abzulehnen. (vgl. THEUNISSEN/PLAUTE, 1995, 53f.)

Unter Selbstbestimmung als “soziale Kategorie” ist im Gegensatz zur “individualistischen Kategorie” “nicht Freisetzung von sozialen Bindungen, sondern eigenverantwortliches Entscheiden und autonomes Handeln in der Beziehung zum Du” gemeint (THEUNISSEN/PLAUTE, 1995, 54). Der entscheidende Unterschied ist also der, dass in dieser Art von Selbstbestimmung andere Menschen, und die Beziehungen zu ihnen, beim Treffen von Entscheidungen berücksichtigt werden. Dies ist schließlich auch notwendig, damit alle Menschen, die miteinander in Beziehung stehen, zu ihrer Zufriedenheit zusammenleben können.

Es kann festgehalten werden, dass Selbstbestimmung um jeden Preis, abzulehnen ist. Selbstbestimmung ist nur dann legitim, wenn die Bedürfnisse und Interessen der Mitmenschen in den eigenen Entscheidungen berücksichtigt werden. Oder, anders ausgedrückt: Das Recht auf Selbstbestimmung findet immer dort seine Grenze, wo dadurch die Rechte anderer Menschen beeinträchtigt werden.

 

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zu einem selbstbestimmten Leben zu finden.

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