5. Heilerzieherische Handlungsansätze zur Unterstützung von Menschen mit geistiger Behinderung auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben

Im Folgenden werde ich pädagogische Handlungsansätze in Anlehnung an das Empowerment-Konzept vorstellen, mit denen geistig behinderte Menschen auf ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung unterstützt werden können. Zu einer besseren Veranschaulichung werde ich hierzu jeweils konkrete Beipiele aus meiner Praxis anfügen.

5.1 Den geistig behinderten Mensch ernst nehmen

Wie oben dargestellt wurde, sollte der professionelle Helfer gegenüber dem geistig behinderten Menschen eine Vertrauensperson sein. Eine Grundvoraussetzung dafür, dass der geistig behinderte Mensch Vertrauen zu dem professionellen Helfer bekommen kann, ist, dass sich dieser von seinem Gegenüber ernstgenommen und damit auch angenommen fühlt. Das bedeutet für die heilerzieherische Praxis, dass der professionelle Helfer eine dem Alter des behinderten Menschen entsprechende Sprache benützt und beispielsweise mit einem erwachsenen Menschen nicht wie mit einem Kleinkind spricht. Probleme, die der geistig behinderte Mensch hat, dürfen nicht einfach als Lapalie abgetan werden, auch wenn sie aus der Sicht des Betreuers nicht schwerwiegend sind. Statt dessen ist auf den Menschen und seine Probleme einzugehen. Geäußerte Wünsche und Kritik sind aufzunehmen und zu berücksichtigen. Vom behinderten Menschen eindeutig getroffene Entscheidungen sind zu respektieren und getroffene Abmachungen und Versprechen gegenüber dem behinderten Menschen sind einzuhalten.

Beispiel aus der Praxis:

Herr N. (23 Jahre) hat laut ärztlicher Diagnose eine geistige Behinderung in Folge eines frühkindlichen Hirnschadens. Er reagiert auf unbedachte Äußerungen zum Teil sehr sensibel, insbesondere dann, wenn er zum Beispiel zu irgendwelchen Handlungen direkt aufgefordert wird, wenn seine Meinung oder eine eben von ihm getroffene Entscheidung in Frage gestellt wird oder wenn er das Gefühl hat, jemand macht sich über ihn lustig. In solchen Situationen hat Herr N. große Schwierigkeiten, sich und seinen Standpunkt zu verteidigen und zieht sich meist sehr schnell in sein Zimmer zurück. Dort kommt es dann vor, dass sich Herr N. derart in die vorangegangene Situation hineinsteigert, dass er Dinge von sich zerstört (z.B. CD’s, Kleidung) und autoaggressives Verhalten zeigt (z.B. sich in die Hand beißt).

Abgesehen davon, dass ein solches Verhalten von Herrn N. oft dadurch ausgelöst wird, weil er sich nicht ernst genommen fühlt, ist in solchen Situationen wichtig, dass er mit seinem Problem nicht sich selbst überlassen bleibt. Ich biete ihm daher in solchen Momenten meist meine Hilfe an und setze mich zu ihm, wenn er dies wünscht. Dabei besteht dann die Möglichkeit in einem verstehenden Gespräch die vorangegangene Situation gemeinsam mit Herrn N. zu reflektieren.

5.2 Zum Äußern von Wünschen und Kritik ermutigen

Vor allem dann, wenn bisher die Vorlieben und die Meinung des geistig behinderten Menschen im Alltag eher eine untergeordnete Rolle spielten und daher kein Anreiz da war, Wünsche und Kritik dem pädagogischen Personal mitzuteilen, ist der Betroffene zu ermutigen, seine Vorstellungen zu äußern. Das pädagogische Personal soll dem geistig behinderten Menschen signalisieren, dass das Äußern von Wünschen aber auch von Kritik ausdrücklich gewünscht ist. Denn, nur so kann das pädagogische Personals auf individuelle Vorlieben aber auch Abneigungen Rücksicht nehmen und an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert arbeiten.

Beispiel aus der Praxis:

Herr C. ist 24 Jahre alt und hat laut ärztlicher Diagnose einen frühkindlichen Hirnschaden und eine Tetraspastik. Wenn Herr C. mit etwas unzufrieden ist, sieht man ihm dies an. Dies war beispielsweise einmal der Fall, als ich in der Früh gerade - wie sonst auch - sein T-Shirt anziehen wollte. Ich sagte ihm schließlich, dass ich den Eindruck habe, er sei mit etwas unzufrieden und fragte ihn, ob dies zutreffe. Herr C. bestätigte daraufhin meinen Eindruck und erklärte mir zögerlich, dass er sein T-Shirt neuerdings wieder selber anziehen könne und dies auch tun wolle. Hierüber war ich sehr überrascht (ich wusste dies noch nicht). Ich überließ Herrn C. schließlich das Anziehen des T-Shirts und sagte ihm, dass ich es toll finde, dass er dies wieder selbst machen könne. Ich gab Herrn C. dabei zu verstehen, dass er, wenn er mit etwas unzufrieden ist, sich nicht scheuen braucht, dies zu sagen und erklärte Ihm in etwa: “Du bist schließlich der Chef hier. Ich bin lediglich da, dich in den Dingen zu unterstützen, wo du Hilfe brauchst.”

5.3 Den Betroffenen in Entscheidungsprozesse einbinden

Den geistig behinderten Menschen mit seinen Bedürfnissen, Wünschen, Vorlieben und Abneigungen ernst nehmen, bedeutet, dass man ihn auch in Entscheidungsprozesse einbindet. Entscheidungen des pädagogischen Personals über den Kopf des Betroffenen hinweg sind nicht legitim. Sie sollten vermieden werden.

Im Rahmen des Empowerment-Konzepts sollen daher Menschen mit einer geistigen Behinderung in allen Dingen, die sie betreffen, entsprechend ihren Möglichkeiten mitreden und mitentscheiden dürfen. Die professionellen Helfer haben dies in ihrer täglichen Arbeit zu beachten.

Beispiel aus der Praxis:

Anstatt das das pädagogische Personal kurzerhand selbst entscheidet, was zum Essen gekocht wird, wird jeden Donnerstag im Rahmen einer Besprechung unter den BewohnerInnen gemeinsam ein Speiseplan aufgestellt. Dabei wird auf die Wünsche, Vorlieben und Abneigungen der einzelnen BewohnerInnen Rücksicht genommen. Ich als Betreuer habe dabei lediglich eine beratende und vermittelnde Funktion, und achte darauf, dass alle zu Wort kommen und niemand übergangen wird. Was zum Essen gekocht wird entscheiden letztendlich die BewohnerInnen selbst.

5.4 Die eigene Rolle deutlich machen

Nachdem bisher der professionelle Helfer als “der Experte” galt, gilt nach dem Empowerment-Konzept nun der geistig behinderte Mensch als “Experte in eigener Sache”. Der professionelle Helfer nimmt nunmehr “nur noch” die Rolle eines “Assistenten” ein, der den geistig behinderten Menschen mit seinem Fachwissen im Alltag dort unterstützt, wo Unterstützung gewünscht ist oder zwingend erforderlich erscheint. Auf diese neue Rolle des pädagogischen Personals muss der geistig behinderte Mensch hingewiesen werden. Zudem ist die Rolle des “Assistenten” dem Betroffenen durch ein entsprechendes Rollenverhalten im Alltag deutlich zu machen.

Beispiel aus der Praxis:

Jeweils einmal in der Woche findet auf der Wohngruppe eine Besprechung der GruppenbewohnerInnen statt, in der Überlegungen zur Freizeitgestaltung gemacht oder organisatorische Dinge, wie beispielsweise die Aufteilung zu erledigender Dienste, geregelt werden. Bisher sind die Besprechungen in der Regel so abgelaufen, dass die BewohnerInnen einzeln nacheinander gegenüber dem anwesenden Betreuer ihre Wünsche und Vorschläge beispielsweise hinsichtlich der Freizeitgestaltung äußerten. Wer gerade nicht an der Reihe war, und trotzdem etwas zu den gemachten Vorschlägen sagte, wurde schnell von einem anderen Gruppenmitglied oder vom Betreuer in die Schranken gewiesen. Aus diesem Grund ist es in diesem Rahmen bisher selten zu richtigen Gesprächen zwischen den BewohnerInnen gekommen. Die Kommunikation untereinander wurde gehemmt.

Ich versuche seit kurzem in der Gruppenbesprechung immer wieder deutlich zu machen, dass diese in erster Linie für eine Verständigung der Gruppenmitglieder untereinander gedacht ist. Macht ein Gruppenmitglied beispielsweise einen Vorschlag hinsichtlich der Freizeitgestaltung am Wochenende und spricht dabei mich an, erkläre ich ihm, dass er den Vorschlag zunächst gegenüber den anderen Gruppenmitgliedern machen und nach deren Meinung fragen soll, denn ich sei nur da, um bei der Umsetzung der Wünsche und Vorschläge nach Möglichkeit behilflich zu sein. Ich mache die Gruppenmitglieder dabei immer wieder aufmerksam, dass nicht entscheidend ist, was ich wolle, sondern entscheidend sei nur das, was sie wollen.

5.5 Neugier fördern

Die Neugier ist der Antrieb für das Hinterfragen und Erforschen der Umwelt, um diese besser verstehen zu können (vgl. KÜHNE, u.a., 1993, 139 f.). Weil Neugier den Blick auf die Umwelt schärft, ist eine Förderung der Neugier durchaus auch im Rahmen des Empowerment sinnvoll und notwendig. Schließlich sind oft Impulse aus der Umwelt notwendig, um auf eigene Stärken, Fähigkeiten und Potentiale aufmerksam und sich dieser bewusst zu werden.

Grundsätzlich sollte für das pädagogische Personal daher gelten, dass Neugier als etwas positives zu verstehen ist. Dies ist den Betroffenen zu signalisieren, indem Fragen zu allen Themen und jederzeit erlaubt werden. Die Förderung von Neugier an sich, kann auf diese Weise geschehen, indem das pädagogische Personal dem geistig behinderten Menschen immer wieder Anreize, Anregungen und Angebote macht, über die er Neues kennen lernen kann.

Beispiel aus der Praxis:

Wenn die BewohnerInnen selbst keine Ideen haben, wie beispielsweise der Samstagnachmittag verbracht werden könnte, macht meist das pädagogische Personal hierzu Vorschläge und Angebote, die die BewohnerInnen annehmen können oder auch nicht. Zuletzt machte ich an einem sonnigen Vorfrühlingstag den Vorschlag, mit Tee, Keksen und Obst zum Picknicken an den Starnberger See zu fahren. Der Vorschlag stieß auf große Zustimmung der BewohnerInnen. Für die meisten BewohnerInnen, wie auch für mich, war dieser Ausflug ein besonderes Erlebnis, denn wir hatten alle noch nicht den Starnberger See zugefroren gesehen. Ganz besonders Herr C., der sich sehr für technische Dinge, Biologie und Erdkunde interessiert, war von dem Naturschauspiel angetan. Er erkundete die Dicke des Eises und war von dessen Stabilität fasziniert. Herr M. fragte dagegen, mit Blick auf die vielen Menschen, die sich auf dem Eis bewegten, nach, ob es nicht gefährlich sei, dass Eis zu betreten, weil es doch einbrechen könnte. Dieser Ausflug regte somit eindeutig die Neugier von Herrn C. und Herrn M. an. Und nicht nur das. Sie setzten sich auch mit durchaus wichtigen Fragen auseinander. Vorhandene Ressourcen (hier Wissen) von Herrn C. und M. wurden deutlich.

5.6 Raum zum Experimentieren lassen

Die Entwicklung des Menschen und sein Handeln wird stark von seinen bisher gemachten Erfahrungen beeinflusst. Erfahrene Menschen zeigen meist ein sichereres Auftreten und sind selbstbewusster, als unerfahrene Menschen. Für die Entwicklung von Selbstbewusstsein ist das Sammeln von Erfahrungen daher sehr wichtig. Aber nicht nur das. Desto mehr Erfahrungen ein Mensch gesammelt hat, desto weniger ist er letztendlicher auch von anderen Menschen abhängig. Ein Mensch, der bereits Erfahrung im Umgang mit einem Fahrkartenautomat hat, und weiß, wie man ihn bedient, ist in dieser Hinsicht selbständiger als jemand, der noch nie die Gelegenheit hatte, einen Fahrkartenautomat zu bedienen und deshalb auf vorbeikommende Passanten angewiesen ist, die er um Hilfe fragen kann. Erfahrungen machen einen Menschen also selbständiger.

Damit auch geistig behinderte Menschen Erfahrungen sammeln können, muss ihnen ein entsprechender Freiraum zum Ausprobieren und Experimentieren gewährt werden. Für das pädagogische Personal bedeutet das, dass es nicht schon im Vorhinein, aus einer überfürsorglichen Haltung heraus, alle aus seiner Sicht “schwierigen Situationen” im Leben eines geistig behinderten Menschen entschärfen darf. Abhängig von der Situation ist es jedoch wichtig, dass das pädagogischen Personal den geistig behinderten Mensch nicht sich selbst überlässt, um bei Notwendigkeit unterstützend eingreifen zu können, um eine Überforderung zu vermeiden.

Beispiele aus der Praxis:

Frau O. ist 33 Jahre alt und hat laut ärztlicher Diagnose ein Down-Syndrom und eine Sehbehinderung in Folge eines angeborenen “Grauen Star” (Katarakt). Beim An- und Auskleiden benötigt Frau O. teilweise Unterstützung. Das Ankleiden würde schneller von statten gehen, wenn man ihr sofort bei allen Handgriffen helfen würde. Auf diese Weise hätte sie jedoch nie die Möglichkeit es selbst zu versuchen sich anzukleiden. Soweit es aus zeitlichen Gründen möglich ist, überlasse ich daher Frau O. immer einen gewissen Zeitraum, während dem sie versuchen kann sich ohne Hilfe anzukleiden. Ich selbst bleibe in der Nähe, um bei Bedarf unterstützend eingreifen zu können, um eine Überforderung von Frau O. zu vermeiden.

Herr C. ist 27 Jahre alt. Er hat laut ärztlicher Diagnose eine “paranoide halluzinatorische Psychose bei frühkindlichem Hirnschaden”, sowie Epilepsie (derzeit anfallsfrei). Von den Faschingsvorbereitungen waren kürzlich noch nicht aufgeblasene Luftballons übrig geblieben. Herr C. hatte sich hiervon welche genommen und zwei davon mit Wasser gefüllt, was ich jedoch zunächst nicht mitbekommen habe. Als Herr C. mit Herrn H. die mit Wasser gefüllten Luftballons im Bad zum Platzen bringen wollte, wurde ich auf deren Vorhaben aufmerksam. Ich war zwar zunächst recht überrascht, griff jedoch nicht in die Situation ein, weil kein Schaden zu erwarten war. Statt dessen sah ich zu, wie Herr C. und Herr H. die Luftballons auf den gefliesten Boden warfen, und diese nach mehrmaligen Versuchen dann endlich zerplatzten. Herr C. und Herr H. waren davon begeistert und hatten sehr viel Spaß. Ich erinnerte im Anschluss daran Herrn C. und Herrn H. lediglich, nicht zu vergessen, die Luftballonreste zu entsorgen und den Boden abzuziehen, damit niemand ausrutschen kann.

5.7 Verständnis für fehlerhaftes Verhalten zeigen

Jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens Fehler und trifft einmal falsche Entscheidungen. Lernen, ohne dabei Fehler zu machen, ist im Grunde nicht möglich. Das Machen von Fehlern und das Lernen sind eng miteinander verbunden. Der Ausspruch “Aus Fehlern lernt man” macht dies deutlich.

Wenn das pädagogische Personal dem geistig behinderten Menschen Freiraum zum Experimentieren gibt, um neue Erfahrungen sammeln zu können, muss es sich dem bewusst sein, dass der geistig behinderte Mensch nicht auf Anhieb alles richtig machen und richtige Entscheidungen treffen kann. Der professionelle Helfer sollte deshalb auf keinen Fall den geistig behinderten Menschen aufgrund eines fehlerhaften Verhaltens kritisieren oder ihm gegenüber gar Sanktionen aussprechen. Dies würde womöglich seine Neugier, seine Lernlust und das selbständige Treffen von Entscheidungen hemmen. Statt dessen soll dem geistig behinderten Menschen für fehlerhaftes Verhalten Verständnis entgegengebracht und die positiven Seiten seines Verhaltens herausgestellt werden.

Beispiele aus der Praxis:

Herr M. ist 28 Jahre alt und hat laut Akte eine geistige Behinderung in Folge eines frühkindlichen Hirnschadens. Wenn Herr L. nicht da ist, bietet sich Herr M. immer wieder mal an, den Kaffee zu kochen. Dafür wird er von mir dann gelobt (“Das finde ich toll, dass du den Kaffee machst.”). Beim Einfüllen des Kaffeepulvers in die Kaffeemaschine ist es einmal vorgekommen, dass Herr M. etwas Kaffeepulver auf die Arbeitsfläche und den Boden verschüttet hat, weil der Löffel überfüllt war und die Kaffeedose von der Kaffeemaschine zu weit weg gestanden ist. Anstatt ihn dafür zu schimpfen (“pass doch besser auf”) oder daraufhin das Kaffeepulver selber einzufüllen, reagierte ich folgendermaßen: Ich sagte ihm, dass sei nicht so schlimm. Mir sei so etwas auch schon passiert. Anschließend gab ich ihm den Tipp, nächstens den Löffel nicht mehr so voll zu machen und die Kaffeedosen näher an die Kaffeemaschine zu stellen. Dies würde ich neuerdings auch so machen.

5.8 Bevormundung vermeiden

Um ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen dem pädagogischen Personal und dem geistig behinderten Menschen zu schaffen, ist ein partnerschaftlicher Umgang miteinander erforderlich. Der geistig behinderte Mensch und der professionelle Helfer sollen unter dem sozialen Gesichtspunkt grundsätzlich gleichgestellt sein. Dies ist eine Voraussetzung für das Zustandekommen von Empowerment-Prozessen, wie weiter oben bereits beschrieben wurde.

Ein partnerschaftlicher Umgang mit dem geistig behinderten Menschen schließt aus, dass dieser vom professionellen Helfer bevormundet wird. Wer anderen Menschen vorschreibt, was sie zu tun haben, stellt sich über diese Menschen. Dies hat dann nichts mehr mit Gleichstellung zu tun. Abgesehen davon würde ein derartiges Verhalten den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses stören und zudem die Entwicklung des Menschen hemmen, weil sich dieser womöglich weniger zutraut, auf die eigenen Bedürfnisse hinzuweisen und auf dessen Befriedigung zu bestehen.

Im Rahmen des Empowerment-Konzepts ist das pädagogische Personal vielmehr dazu aufgefordert, den geistig behinderten Menschen beim Treffen von Entscheidungen in Form einer Art von Beratungsgespräch zu unterstützen, wenn dies erforderlich ist. Auf diese Weise hat sowohl der Betroffene als auch der professionelle Helfer die Möglichkeit, seinen Standpunkt und seine Meinung dem Gegenüber mitzuteilen. Der geistig behinderte Mensch lernt auf diese Weise gleichzeitig das Abwägen von Vor- und Nachteilen, was zukünftig das Treffen von verantwortungsvollen Entscheidungen begünstigt. Zudem wird der geistig behinderte Mensch dadurch, dass er nicht bevormundet wird, nicht erniedrigt, was sich wiederum auf sein Wohlbefinden und Selbstwertgefühl positiv auswirkt.

Beispiel aus der Praxis:

Herr H. ist 20 Jahre alt und hat laut Akte einen frühkindlichen Hirnschaden. Zu seinen Diensten auf der Wohngruppe gehört das tägliche Heraussaugen bzw. Herauswischen der Küche. Herr H. hat Tage, an denen er seinen Dienst vergisst oder einfach keine Lust hat, die Küche zu putzen. An solchen Tagen muss Herr H. auf seinen Dienst aufmerksam gemacht werden. Anstatt Herrn H. in solchen Situationen zu befehlen die Küche zu putzen, frage ich ihn, ob oder wann er dies tun möchte. Herr H. hat auf diese Weise die Möglichkeit, mir seine Vorstellungen mitzuteilen (z.B. dass er dies nach einer Fernsehsendung macht, die er erst noch zu Ende sehen möchte, oder das er heute dermaßen von der Arbeit genervt ist, dass er nur noch seine Ruhe haben möchte). Im Gespräch mit Herrn H. kann ich dann auf seine Vorstellungen eingehen und eventuell mit ihm gemeinsam Vor- und Nachteile besprechen, wenn er die Küche herauswischt bzw. nicht herauswischt (z.B. das der beim Abendessen auf den Boden verschüttete Saft antrocknet, zum kleben beginnt und am nächsten Tag schwieriger zu entfernen ist). Auf diese Weise hat Herr H. die Möglichkeit, seine zuvor getroffene Entscheidung zu korrigieren - wenn er will - ohne dabei sein “Gesicht zu verlieren”. Nicht ich als professioneller Helfer bestimme dann, ob Herr H. die Küche putzt, sondern dies bestimmt Herr H. selbst.

 

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Empowerment. Möglichkeiten und Grenzen geistig behinderter Menschen

zu einem selbstbestimmten Leben zu finden.

© Andreas Wagner, Geretsried 2001. Alle Rechte vorbehalten!

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