6. Abschließende Betrachtung

Das Empowerment-Konzept ist meiner Ansicht nach eine geeignete theoretische Grundlage für die Arbeit des Heilerziehungspflegers, um Menschen mit einer geistigen Behinderung auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben zu begleiten und zu unterstützen. Es ist vor allem deshalb geeignet, weil darin der geistig behinderte Mensch nicht - wie so oft - auf seine Behinderung reduziert wird, die zu behandeln sei, sondern seine Bedürfnisse und Ressourcen im Mittelpunkt stehen. Damit wird hervorgehoben, dass auch der Mensch mit einer geistigen Behinderung sich weiterentwickeln kann und ganz individuelle Bedürfnisse hat, die er befriedigt haben will. Ein derartiges Menschenbild ist schließlich eine Voraussetzung dafür, den behinderten Menschen weniger mit oft entmündigender Hilfe zu beliefern, sondern vielmehr auf seine Vorlieben und Wünsche einzugehen und ihm auch Selbstbestimmung zuzugestehen. Das Empowerment-Konzept sagt mir aber auch aus dem Grund zu, weil es grundsätzlich einen partnerschaftlichen Umgang zwischen dem behinderten Menschen und dem professionellen Helfer voraussetzt. Statt dem behinderten Menschen vorzuschreiben, was er zu tun hat, soll der professionelle Helfer ihm bei der Bewältigung des Alltags zur Seite stehen und wenn nötig dabei unterstützen. Einer Bevormundung des behinderten Menschen wird damit eine klare Absage erteilt. Und das ist gut so, denn wenn angestrebt wird, behinderte Menschen besser in die Gesellschaft zu integrieren und sie in ihren Rechten und Möglichkeiten mit anderen Menschen gleichzustellen, muss im kleinen, also in den Einrichtungen, damit begonnen werden.

In meiner Praxis hat sich gezeigt, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung durchaus selbstbestimmt Entscheidungen treffen können, wenn man sie nur lässt. Ob geistig behinderte Menschen zu einem weitgehend selbstbestimmten Leben finden können, hängt also entscheidend vom pädagogischen Personal in den Einrichtungen ab. Nur wenn die professionellen Helfer etwas von ihrer Macht abgeben und die Menschen auf ihrem Weg der Selbstbemächtigung unterstützen, wird es gelingen, dass geistig behinderte Menschen eine größtmögliche Kontrolle über ihr Leben erreichen.

Dies klingt recht einfach, ist es oft in der Praxis jedoch nicht. So ertappe auch ich mich immer wieder in Situationen, in denen ich stellvertretend Entscheidungen treffe, obwohl dies der hiervon betroffene Mensch selber könnte. Ein Grund hierfür ist oft der, weil es unter Umständen sehr viel Konzentration erfordert und daher sehr anstrengend sein kann, sich mit Menschen mit geistiger Behinderung auszutauschen und anschließend gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die Kommunikation in irgendeiner Form zusätzlich erschwert wird (z.B. durch eine Sprachbehinderung). Da erscheint es oft bequemer, einfach den behinderten Menschen vor vollendete Tatsachen zu stellen. Dazu kommt noch, dass man häufig unter einen gewissen Zeitdruck steht, was zur Folge hat, dass das Einbinden der behinderten Menschen in Entscheidungsprozesse oft als zusätzliche Belastung erlebt wird. Damit sind wir auch schon bei den strukturellen Bedingungen, die sich auf die pädagogischen Handlungsmöglichkeiten auswirken. Einerseits hat man vielleicht den Anspruch, dem behinderten Menschen möglichst viel Selbstbestimmung zuzugestehen und in alle Entscheidungsprozesse einzubinden, andererseits ist dies jedoch nur bedingt möglich, entweder weil zu wenig Zeit oder Personal zur Verfügung steht, oder weil andere Rahmenbedingungen dem entgegenstehen. Die Anforderungen an die professionellen Helfer sind also recht groß: Nicht nur, daß der professionelle Helfer über viel Geduld, Sensibilität, Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen verfügen muß, er muß auch die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit aushalten können. Um einem Ausbrennen vorzubeugen, ist daher aus meiner Sicht ein regelmäßiges besonders intensives Reflektieren der eigenen Arbeit erforderlich.

Ob es gelingt, Empowerment-Prozesse in Gang zu setzen, ist von allen Beteiligten abhängig. Das Empowerment-Konzept stellt deshalb nicht nur an den professionellen Helfer hohe Anforderungen, sondern auch an den geistig behinderten Menschen. Der professionelle Helfer kann dem geistig behinderten Menschen zwar den Freiraum geben, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Ob der Freiraum jedoch auch genutzt wird, hängt letztendlich vom behinderten Menschen selbst ab. Damit keine Missverständnisse entstehen: Empowerment bedeutet nicht, lediglich Freiräume für mehr Selbstbestimmung zu schaffen. Von einem Menschen mit einer geistigen Behinderung kann nicht von einem Tag auf den anderen verlangt werden, nun alles, was ihn betrifft, selbst zu entscheiden und dafür auch die Verantwortung zu tragen. Mit einer solchen Situation wäre der geistig behinderte Mensch mit großer Wahrscheinlichkeit überfordert, vorallem dann wenn er bisher nie oder nur sehr selten nach seiner Meinung gefragt wurde. Empowerment muß deshalb als ein prozesshaftes, schrittweises Hinführen zu mehr Selbstbestimmung verstanden werden, wobei der jeweilige Entwicklungsstand und die ganz individuelle Situation berücksichtigt werden muss, in der sich der geistig behinderte Mensch gerade befindet.

Das Empowerment-Konzept ist, so meine ich, ein in jeder Hinsicht anspruchsvolles Konzept. Es ist deshalb nicht gerade leicht, es umzusetzen. Weil es aber den Menschen mit seinen Bedürfnissen ohne wenn und aber in den Mittelpunkt der Bemühungen stellt, ist es aus meiner Sicht bestens geeignet, um den geistig behinderten Menschen zu mehr Selbstbestimmung hinzuführen. Nicht der behinderte Mensch sollte sich an die Strukturen der Behindertenhilfe anpassen müssen, sondern umgekehrt. Viele Träger der Behindertenhilfe und Angehörige helfender Berufe sind mit Blick auf den Empowerment-Gedanken gefordert, dass Selbstverständiss ihrer Arbeit zu überdenken. Denn, wie heißt es in der “Duisburger Erklärung” so schön, die 1994 auf einem Kongress der Bundesvereinigung Lebenshilfe von Menschen mit geistiger Behinderung verabschiedet wurde:

“Wir möchten mehr als bisher unser Leben selbst bestimmen. Dazu brauchen wir andere Menschen. ... Betreuer sollen uns helfen, daß wir Dinge selbst tun können. Sie sollen sich mit Geduld auf behinderte Menschen einstellen. Wir wollen zusammenarbeiten, wir sind keine Befehlsempfänger” (LEBENSHILFE, 1995, 31).

 

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Literatur

Empowerment. Möglichkeiten und Grenzen geistig behinderter Menschen

zu einem selbstbestimmten Leben zu finden.

© Andreas Wagner, Geretsried 2001. Alle Rechte vorbehalten!

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