Vorwort

Sieben Jahre lang, seit meiner Schulzeit, habe ich mich innerhalb einer Geschichtswerkstatt, der mittlerweile aufgelösten Interessengemeinschaft GESCHICHTE GERETSRIED, in meiner Freizeit mit der lokalen Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt. Dabei wurde ich im November 1988 bei einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte in Dachau erstmals konkret auf den Todesmarsch der Dachauer KZ-Häftlinge im April 1945 aufmerksam: Bei Recherchen über ein Außenkommando des Konzentrationslagers Dachau entdeckte ich einen Bericht eines ehemaligen jüdischen KZ-Häftlings, aus dem hervorging, dass die heutige Stadt Geretsried in jenen Apriltagen eine Station des Todesmarsches war und dass in diesem Zusammenhang russische Zwangsarbeiter aus einem bei Geretsried gelegenen Lager von der SS verschleppt und erschossen worden waren. Dies war der Beginn von weiteren Nachforschungen, die sich zunächst aber nur auf die angebliche Ermordung der russischen Zwangsarbeiter konzentrierten. Davon, dass der Todesmarsch der KZ-Häftlinge auch nach Geretsried führte, war mir bis zu diesem Zeitpunkt nichts bekannt.

In einem bekannten großen Nachrichtenmagazin wurde dann im Juli 1989 in einer Grafik Geretsried als ein von dem Dachauer Todesmarsch betroffener Ort genannt. Daraufhin erklärte die Stadt Geretsried Anfang August, Geretsried sei keine Station des Dachauer Todesmarsches gewesen, das hätten Nachforschungen ergeben. Dass Geretsried sehr wohl einer von den Orten war, an denen KZ-Häftlinge auf diesem Marsch vorbeizogen, konnte ich jedoch schon zu diesem Zeitpunkt belegen. Ich schaltete mich in die Diskussion ein, begann mit weiteren umfangreichen Recherchen und legte im Dezember 1989 der Stadt Geretsried eine erste grundlegende Zusammenfassung meiner Forschungsergebnisse vor. Auf dieser Grundlage forderte die Interessengemeinschaft GESCHICHTE GERETSRIED, unterstützt von den Grünen, die Stadt Geretsried auf, ein Mahnmal zu errichten, was zunächst abgelehnt wurde, später schließlich aber durchgesetzt werden konnte. Das Mahnmal wurde im August 1992 aufgestellt und drei Monate später offiziell der Öffentlichkeit übergeben.

Im November 1992 hatte ich dann die Möglichkeit, mit einer Delegation von Kommunalpolitikern der Gemeinden, in denen ebenfalls ein Mahnmal zur Erinnerung an den Dachauer Todesmarsch aufgestellt wurde, nach Israel zu reisen. Dort durfte ich an der Einweihung eines Abgusses eines solchen Todesmarsch-Mahnmals in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem teilnehmen. Bei dieser Gelegenheit lernte ich ehemalige jüdische KZ-Häftlinge kennen, die an dem Todesmarsch teilgenommen hatten. Zufällig befand sich unter ihnen auch ein ehemaliger Häftling, der im Lager Buchberg bei Geretsried von den Amerikanern befreit worden war.

Ende 1992 fasste ich schließlich den Entschluss, eine Dokumentation über den Dachauer Todesmarsch zu schreiben. Schließlich gab es bis zu diesem Zeitpunkt keine Abhandlung, die sich allein und im größeren Rahmen auf dieses Ereignis konzentriert hätte. Ich begann also wieder zu recherchieren.

In der vorliegenden Dokumentation, die neben meiner Berufstätigkeit und einer neu begonnen Ausbildung entstand, habe ich jetzt die Ergebnisse meiner Forschungen zusammengefasst; ich möchte sie so der Öffentlichkeit vorstellen und zugänglich machen. Dabei habe ich mich bemüht, die Geschehnisse möglichst überschaubar und greifbar darzustellen. Die Dokumentation hat freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn dazu war ich vor allem von der Zeit her zu sehr eingeschränkt. Mein Ziel war es lediglich, einen Einblick in die damaligen Geschehnisse zu geben und einige Hintergrundinformationen zu den Mahnmalen, die in mittlerweile recht vielen oberbayerischen Orten an den Todesmarsch erinnern, zu liefern.

Zuletzt möchte ich mich bei allen, die mir bei den Recherchen und der Fertigstellung dieser Dokumentation geholfen haben, recht herzlich für ihre Unterstützung bedanken, insbesondere bei Christiane Buyken, Franziska Borth und den anderen Mitglieder der Interessengemeinschaft GESCHICHTE GERETSRIED. Ein ganz besonderer Dank gilt den Zeitzeugen, die mir auf meine Fragen Auskünfte erteilt haben. Zu danken habe ich auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den verschiedenen Archiven, bei den Gemeinden, den Städten und den Kirchen, die mir Auskünfte erteilt und mir Einsicht in Unterlagen gewährt haben. Zu nennen sind hier vor allem Eleonore Philipp und Klara Gissing von der KZ-Gedenkstätte Dachau, Hadassah Modlinger von der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Israel, Dr. Szabolcs Szita von der ungarischen Auschwitz-Stiftung und Krista Maurer vom Stadtarchiv Geretsried. Für die Übersetzung von Zeitzeugenberichten danke ich Frau Herta Garfinkiel von der Israelitischen Kultusgemeinde in München recht herzlich. Herrn Benno Gantner und Herrn Dr. Ernst Raim sei für die Überlassung von Bilddokumenten gedankt. Ein besonderer Dank gilt schließlich Herrn Georg Steinbichler, der das Manuskript durchgesehen und mir wertvolle Anregungen gegeben hat.  

Geretsried im April 1995

Andreas Wagner

 

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Todesmarsch. Die Räumung und Teilräumung der

Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945.

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