Der Hintergrund der Räumung und

Teilräumung der Konzentrationslager

Dachau, Kaufering und Mühldorf

im April 1945

Schon einige Tage vor Beginn der Räumung eines Teils des Konzentrationslagers Dachau kursierten hierüber im Lager Gerüchte. Auch über den Plan eines Massenmordes wurde unter den Gefangenen gesprochen.[1] Ein ehemaliger Häftling berichtet, dass er vor Beginn der Räumung "aus zuverlässiger Quelle" erfuhr, "daß Himmler an die Leitung des Lagers den Geheimbefehl erteilt hatte, alle arbeitsfähigen Häftlinge nach Tirol auf den Marsch zu bringen, die Zurückbleibenden zu liquidieren und das gesamte Lager zu zerstören."[2] Später stellte sich heraus, dass es tatsächlich zumindest zwei unterschiedliche Pläne gab, die Häftlinge zu ermorden.

SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner, zuletzt Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes soll Mitte April 1945 dem Gauleiter Paul Giesler eine Weisung übermittelt haben, der zufolge "im Auftrag des Führers unverzüglich eine Planung für die Liquidierung des Konzentrationslagers Dachau und der beiden jüdischen Arbeitslager Landsberg und Mühldorf auszuarbeiten" sei. "Die Weisung sah vor, die beiden jüdischen Arbeitslager Landsberg und Mühldorf durch die deutsche Luftwaffe zu vernichten, da die Baustellen dieser Lager in letzter Zeit wiederholt von feindlichen Luftangriffen heimgesucht wurden." Dieser Plan wurde als Deckname "Wolke A1" bezeichnet. Die Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau, "mit Ausnahme der arischen Angehörigen der Westmächte", sollten in der Aktion "Wolkenbrand" mit Gift liquidiert werden.[3] Bertus Gerdes, dem Gaustabsamtsleiter von Oberbayern, der von seinem Vorgesetzten Giesler mit der Vorbereitung und Durchführung beider Aktionen betraut wurde, ist es nach seinen eigenen Angaben zu verdanken, dass es nicht dazu kam. Die Nichtdurchführung der Aktion "Wolke A1" begründete Gerdes gegenüber Kurieren Kaltenbrunners "immer mit schlechtem Flugwetter, Benzin- und Bombenmangel".

Da es nicht zur Bombardierung der Landsberg/Kauferinger und Mühldorfer Lager kam, soll Kaltenbrunner dann den Befehl erteilt haben, die Kauferinger Häftlinge nach Dachau zu bringen, "um sie in die Dachauer Vernichtungsaktion einzuschließen". Die "Mühldorfer Aktion" sollte "die Gestapo zur Durchführung bringen". Kaum hatten die ersten Kauferinger Häftlinge das Konzentrationslager Dachau erreicht, wurde durch einen "Kurier von Kaltenbrunner die Auslösung des Kennwortes 'Wolkenbrand' gegeben". Um die Aktion "Wolkenbrand" zu verhindern, gab Gerdes dem Gaugesundheitsführer Dr. Harrfeld, der auf Befehl die erforderliche Menge von Giftstoffen besorgen sollte, kurzerhand keine Weisungen. Gegenüber Gauleiter Giesler begründete Gerdes die Nichtdurchführung der beiden Aktionen damit, "daß die Front zu nahe sei" und bat, dies Kaltenbrunner mitzuteilen.

Daraufhin gab Kaltenbrunner den Befehl an das Konzentrationslager Dachau, "alle Häftlinge der westlichen europäischen Nationen per Lastwagen in die Schweiz zu transportieren und die übrigen Insaßen zu Fuß ins Ötztalgebiet (Tirol) zu führen, wo die endgültige Liquidierung der Häftlinge so oder so stattfinden sollte".

Ein weiterer Hinweis darauf, dass die Häftlinge ermordet werden sollten, ist der protokollierten Aussage von zwei ehemaligen Häftlingen zu entnehmen, wonach der Lagerleiter von Kaufering II, SS-Hauptscharführer Otto Moll, eine Gruppe von jüdischen Häftlingen, die bei Buchberg lagerten, mit dem Befehl zum Weitermarsch und zur Vernichtung der Häftlinge eingeholt hatte.[4]

Der ehemalige SS-Sturmbannführer Fritz Degelow gab später im Dachau-Prozeß an, es hätte einen Befehl vom Reichsführer SS gegeben, laut dem "nur die angegebenen Nationalitäten, Russen, Polen, Deutsche, Juden nach einem abgelegenen Gebirgstal in Tirol abtransportiert werden sollten." Was mit ihnen dort geschehen sollte, darüber gibt Degelow jedoch keine Auskunft.[5] Ob es über den Befehl Kaltenbrunners hinaus aber noch einen weiteren Befehl an die Dachauer Lagerleitung gab, ist unbekannt.

Der oft erwähnte Befehl des Reichsführer SS, Heinrich Himmler, vom 14. beziehungsweise vom 18. April 1945, in dem es heißt, "das Lager ist sofort zu evakuieren" und kein Häftling dürfe "lebend in die Hände des Feindes fallen", gilt zwar als nachgewiesen, betraf allerdings nur das Konzentrationslager Flossenbürg, also nicht das in Dachau, auch wenn klar war, dass derselbe Befehl auch für alle anderen Konzentrationslager gegolten hätte.[6]

Es ist jedenfalls nicht klar, weshalb die Häftlinge "erst" irgendwo im Ötztalgebiet hätten ermordet werden sollen, vorausgesetzt, es hat tatsächlich einen solchen Befehl Kaltenbrunners gegeben. Denn der Zeugen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hätte sich die SS wohl auch anders entledigen können, ohne den aufwendigen und zeitraubenden Fußmarsch der Häftlinge in Kauf zu nehmen. Zudem kann der Sinn der Ermordung der Häftlinge nicht alleine der gewesen sein, Zeugen zu beseitigen, da ja gegenüber den Häftlingen aus westlichen europäischen Staaten keine derartigen Pläne existierten. Ganz im Gegenteil, es wurde sogar deren Auslieferung in Erwägung gezogen, was zum Teil sogar geplant und durchgeführt worden war. So wurden am 4. April 1945 die dänischen und norwegischen Dachauer KZ-Häftlinge dem Schwedischen Roten Kreuz übergeben.[7]

Kaltenbrunner selbst erklärte dagegen im Nürnberger Prozess, Hitler hätte von ihm verlangt, die arbeitsfähigen Häftlinge zum Festungsbau in die Alpen zu bringen.[8] Ähnliches wird im Zusammenhang mit der Räumung des Außenlagers Ottobrunn berichtet: "Da ein weiteres Großprojekt der Luftfahrtforschung im Ötztal geplant war, zogen die Gefangenen unter Aufsicht des SS-Wachpersonals Richtung Tirol."[9] Tatsächlich war im Ötztal der Bau eines Großwindkanals "zur Weiterentwicklung auf dem Gebiet des Schnellfluges" geplant, der bis Spätherbst 1945 fertiggestellt werden sollte.[10]

Der Grund für die Räumung der Kauferinger Lager in Richtung Dachau kann durchaus darin gelegen haben, die Häftlinge nach dem gescheiterten Plan der Bombardierung nun in Dachau der geplanten Vernichtungsaktion "Wolkenbrand" zuzuführen. Dies hätte zumindest für die Kranken, den größten Teil der Häftlinge, gegolten, die nicht mehr arbeitsfähig waren. Wie oben schon erwähnt, wurde der Plan "Wolkenbrand" aber trotz des Befehls nicht mehr ausgeführt.

Beide Mordpläne widersprechen nicht der Aussage Kaltenbrunners, die arbeitsfähigen Häftlinge hätten zum Festungsbau in die Alpen gebracht werden sollen, denn hierfür wäre sowieso nur ein geringer Teil der Häftlinge in Frage gekommen. Ein Hinweis darauf, dass noch Ende April 1945 Häftlinge im Ötztal für den Arbeitseinsatz vorgesehen waren, ist auch dem Haftstättenverzeichnis des Internationalen Suchdienstes zu entnehmen.[11]

Einerseits hatte die SS wohl Interesse an der Verwischung der Spuren des Terrors in den Konzentrationslagern, soweit dies kurz vor Kriegsende überhaupt noch möglich war, und damit an der Beseitigung der noch lebenden Zeugen, den Häftlingen und der Zerstörung der Lager. Andererseits kann davon ausgegangen werden, dass die SS weiterhin großes Interesse an Arbeitssklaven hatte und deren Befreiung verhindern oder zumindest möglichst lange hinauszögern wollte. Dies vielleicht auch mit dem Hintergedanken, die Häftlinge als Geiseln zu missbrauchen und als Faustpfand bei eventuellen Verhandlungen mit den Alliierten einzusetzen. Letzteres wird wohl das Wahrscheinlichere gewesen sein, was jedoch nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass Leben der Häftlinge wäre so für die SS mehr Wert gewesen. 


[1]

Karl Weber in: Hitzer, Friedrich: Vom Ende und vom Anfang des Zweiten Weltkrieges. Wolfratshausen 1985, S. 89 f. Vgl. auch Haulot, Arthur in: Distel, Barbara und Benz, Wolfgang (Hrsg.): Dachauer Hefte 1. Die Befreiung. Dachau 1985, S. 190.

[2]

Deumlich, Paul in: Hitzer, a.a.O., S. 82

[3]

KZGD: 7633: Aussage von Bertus Gerdes im Nürnberger Prozeß (Abschrift).

[4]

Yad Vashem: 015/1491: Protokollierte Aussage von Károlné, Adám und Keller, Erzsébet vom 22. Juli 1945.

[5]

KZGD: 6585: Eidesstattliche Aussage von Fritz Degelow am 4. November 1945.

[6]

Vgl. Zámecník, Stanislav in: Distel, a.a.O., S. 219 ff.Am 25. April 1945 fanden tschechische Häftlinge im sogenannten "Wissenschaftlichen Gebäude" auf der Plantage des Konzentrationslagers Dachau in einer "benutzten Kaffetasse" Papierfetzen eines zerrissenen Schriftstückes. Als der tschechische Häftling Jirí Hell die Papierfetzen wieder zusammensetzte, stellte sich heraus, daß es sich um ein Schreiben vom 24. April 1945 des SS-Hauptsturmführers Schwarz handelte, das mit "Bericht über meine Reise nach Flossenbürg" überschrieben war. Darin berichtet Schwarz, er habe vom Kommandanten des Konzentrationslagers Flossenbürg, Hauptsturmführer Koegel, die Information erhalten, daß am 17. April 1945 SS-Standartenführer Becher einen Befehl Himmlers nach Flossenbürg brachte, demzufolge sich die Häftlinge unverzüglich auf den Marsch nach Dachau begeben sollten. Da sich das Lager in den Augen von Becher aber in einem recht guten Zustand befunden haben soll, fragte er über Funk bei Himmler an, ob das Lager nicht doch übergeben werden sollte. Als Antwort kam am 19. April der auf den 18. April 1945 datierte bekannte Befehl.

[7]

Distel, a.a.O., S. 3 ff.

[8]

Richardi, Hans-Günter: Wo das Leben zur Hölle wurde, in: Themenhefte, Heft 4, S. 10 f.

[9]

 Dexheimer, Andreas (Hrsg.): Spurensicherung: Ottobrunn im 3. Reich. Ottobrunn 1986, S. 26.

[10]

Vgl. Speer, Albert: Der Sklavenstaat. Meine Auseinadersetzung mit der SS. Stuttgart 1981, s.S. 442 f.

[11]

Vgl. Weinmann, a.a.O., S. 557. Hier befindet sich folgender Eintrag: "Oetztal, Engineering, first ment.: 23.4.45, average strength: 1755".

 

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Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945.

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