Der Fußmarsch von Kaufering

nach Dachau und Allach

Nach der Aussage des SS-Sturmbannführers Otto Förschner wurde die Dachauer Außenlagergruppe Kaufering "zwischen dem 24. und dem 27. April 1945 evakuiert".[1] Augenzeugen aus der Bevölkerung berichten dagegen davon, dass die ersten kleineren Häftlingskolonnen schon Ende März und Anfang April durch den Landkreis Fürstenfeldbruck, von Landsberg kommend, in Richtung Dachau zogen.[2] So trafen etwa bereits am 23. April 1945 in Dachau ca. 400 weibliche Häftlinge aus Landsberg ein.[3]

Nach den Angaben des ehemaligen KZ-Häftlings Slomo Pasternak wurde das Lager Kaufering X bei Utting am Ammersee am 15. April 1945 aufgelöst. Die Häftlinge mussten zunächst nach Landsberg marschieren.[4] Dort wurden sie wahrscheinlich kurzzeitig in einem anderen Kauferinger Lager (wahrscheinlich Lager I) untergebracht, bevor sie einer Marschkolonne nach Dachau angeschlossen wurden.[5]

Im Laufe des 24. April 1945 begann die Räumung des Lagers Kaufering I mit dem Ausmarsch von mehreren hundert Häftlingen nach Dachau. In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1945 erreichten die Häftlinge dort das Konzentrationslager.[6]

Das Lager Kaufering XI wurde nach den Aussagen der ehemaligen Häftlinge Leon Kligerman und Dr. Franz Hahn schon am 23. April 1945 geräumt.[7] Der ehemalige SS-Angehörige Valentin Rehhorn bestätigt dieses Datum. Nach seinen Angaben war das vorläufige Ziel des Marsches das Konzentrationslager Allach, wo die Häftlinge am 25. April 1945 auch ankamen.[8]

Mindestens zwei Transporte verließen das Konzentrationslager Kaufering III. Ein Teil der Häftlinge musste in ein "Sammellager" bei Landsberg marschieren (wahrscheinlich Lager Kaufering I).[9] Weitere 745 Häftlinge, darunter 168 Frauen, wurden am 23. April 1945, nach Angaben des ehemaligen SS-Angehörigen Heinrich Witt, auf Marsch in Richtung Allach geschickt.[10]

Die marschfähigen Häftlinge des Lagers Kaufering II sollen nach der Aussage des ehemaligen Lagerleiters, SS-Hauptscharführer Otto Moll, "ungefähr am 25./26. April" von ihm persönlich zu Fuß nach Dachau geführt worden sein, wo sie nach seiner Darstellung am 29. April 1945 ankamen.[11] Das von Moll angegebene Datum des Tages der Ankunft in Dachau kann allerdings nicht stimmen, denn Wilhelm Metzler, der als Häftlingskapo und "Gewehrträger" an dem Marsch von Kaufering II nach Dachau teilnahm, schreibt, dass er "im Laufe des Vormittags" in einer SS-Unterkunft neu eingekleidet wurde und dass gegen 23 Uhr "fluchtartiger Abmarsch von Dachau in Richtung München" erfolgte.[12] Um diese Zeit, also am 29. April 1945, war das Konzentrationslager Dachau jedoch schon längst von amerikanischen Soldaten befreit worden. Die Häftlinge des Lagers Kaufering II müssen also schon am Morgen des am 28. April 1945 oder einen Tag vorher in Dachau eingetroffen sein. In einer Aufstellung der Lagerkommandantur des Konzentrationslagers Dachau ist für den Zeitraum vom 27. April bis zum 28. April 1945 um 6 Uhr früh ein Zugang von 539 männlichen Häftlingen aus dem "Akdo. Kaufering" vermerkt.[13] Hierbei muss es sich um die Häftlinge aus dem Lager Kaufering II gehandelt haben.

Aus dem Lager Kaufering IV marschierte am 25. April 1945 eine Gruppe von etwa 300 Häftlingen ab.[14] Über das Marschziel dieser Häftlingsgruppe ist allerdings nichts bekannt. Es ist anzunehmen, dass die Häftlinge ebenfalls nach Dachau oder Allach gebracht werden sollten. Allerdings ist nicht klar, ob die Häftlinge zuvor in ein anderes Lager verlegt wurden und ob die Räumung letztendlich zu Fuß oder per Bahn geschah.

Auch über die Räumung des Lagers Kaufering VI bei Türkheim konnten keine genaueren Angaben gefunden werden. Nach einer Aufstellung des Niederländischen Suchdienstes vom 28. April 1950 sollen die Häftlinge dieses Lagers am 23. April 1945 in Marsch gesetzt und über Buchloe, Landsberg, Windach und Etterschlag zunächst nach Pasing geführt worden sein, wo sie dann den aus Dachau kommenden Häftlingen angeschlossen wurden und in Richtung Gauting weitermarschierten.[15]

Die Marschroute der Häftlinge der einzelnen Lager ist nur teilweise bekannt. Sowohl die Häftlinge des Lagers Kaufering I, als auch die der Lager Kaufering III und XI marschierten über die Stadt Fürstenfeldbruck.[16] Gleiches trifft mit großer Wahrscheinlichkeit auf die Lager Kaufering II und X zu. Bestätigt wird der Durchzug der Häftlingskolonnen durch Fürstenfeldbruck auch von Augenzeugen. Einer nennt in diesem Zusammenhang den 25. und 26. April 1945.[17] Nach einer Aufstellung des Fürstenfeldbrucker Landrates von November 1946 zog eine weitere Kolonne mit 500 Häftlingen am 27. April 1945 durch Fürstenfeldbruck.[18] Die Marschroute nach Fürstenfeldbruck führte, soweit bekannt, für den überwiegenden Teil der Häftlinge durch die Ortschaften Schwabhausen, Geltendorf, Moorenweis und Jesenwang.[19] Eine weitere Gruppe von etwa 300 Häftlingen unbekannter Herkunft marschierte Ende April 1945 von Geltendorf kommend über Türkenfeld und Kottgeisering weiter nach Fürstenfeldbruck.[20] Von Fürstenfeldbruck, wo der Großteil der Häftlinge beim Ortseingang in der Nähe von Puch und im Emmeringer Hölzl kurzzeitig lagerte, ging der Marsch weiter über Emmering und Esting. In beiden Orten wurden am 24. April etwa 2 000, am 25. April zwischen 3 000 und 4 000, und am 26. April 1945 schätzungsweise 4 000 durchmarschierende Häftlinge gezählt.[21] Hier verliert sich dann die Spur, durch welche Orte die Häftlinge weitermarschierten. Sicher ist jedoch, dass ihr Ziel Dachau bzw. Allach hieß, und dass die überwiegende Zahl der Häftlinge dort auch ankam.[22]

Zumindest eine Gruppe von 300 bis 400 Häftlingen zog im April 1945 durch Dünzelbach und weiter über Eismerszell oder Moorenweis. Durch Adelshofen, Pfaffenhofen, Aich und Puch marschierten im April 1945 ebenfalls etwa 400 bis 450 und durch Purk 40 bis 50 Häftlinge.[23] Aus welchen Konzentrationslagern diese Häftlinge stammten, wann sie genau im April 1945 durch die genannten Ortschaften zogen und mit welchem Ziel, ist unbekannt.

Vor dem Abmarsch aus den Kauferinger Lagern wurde den Häftlingen mitgeteilt, dass ihnen nichts passieren würde und sie an der Schweizer Grenze gegen Deutsche ausgetauscht würden.[24] Den Häftlingen, die zu schwach waren, um zu marschieren, wurde gesagt, sie sollten im Lager bleiben, denn "es würde vom Internationalen Roten Kreuz übernommen".[25] Beides stellte sich später als falsch heraus: Marschziel der Häftlinge waren zunächst die Konzentrationslager Dachau und Allach und für einen Teil von ihnen später irgendein Gebirgstal in Tirol. Die kranken Häftlinge, die im Lager Kaufering IV zurückblieben, ermordete die SS, indem sie auf Befehl des SS-Arztes Dr. Blanke die Lagerbaracken mit Benzin übergoss und anzündete. Fast alle im Lager verbliebenen Häftlinge, 268 an der Zahl, kamen dabei ums Leben.[26]

Über den Marsch von Kaufering nach Dachau und Allach gibt es nur wenige und nicht sehr ausführliche Berichte von ehemaligen Häftlingen. Aus ihnen geht aber hervor, dass der Marsch aus den Kauferinger Lagern vergleichbar war mit den Todesmärschen aus anderen Konzentrationslagern. Es gab so gut wie keine Marschverpflegung. Häftlinge, die nicht mehr gehen konnten, zu erschöpft oder krank waren, wurden von der SS gnadenlos erschossen oder erschlagen. Nur selten wurden sie auf Lkws oder auf Leiterwägen geladen und so weitertransportiert.[27] Auf die Verhältnisse während des Marsches wird in den folgenden Kapiteln noch genauer eingegangen.  


[1]

Vgl. Deiler, Manfred: Der letzte Weg der KZ-Häftlinge in: Themenhefte. Heft 2, S. 12.

[2]

Schinke, Christoph: Der Marsch der Dachauer Häftlinge durch den Landkreis Fürstenfeldbruck am Ende des Naziregimes. Facharbeit. Fürstenfeldbruck 1994, S. 18.

[3]

Vgl. Distel, a.a.O., S. 41.

[4]

Vgl. Pasternak, Slomo zitiert in:Themenhefte. Heft 2, s.S. 16 f.

[5]

ebd. Slomo Pasternak berichtet, dass der Fußmarsch nach Dachau "zwei oder drei Tage" gedauert hat und er dann der Marschkolonne, die am 26. April 1945 in Richtung Tirol abmarschierte, angeschlossen wurde. Vgl. hierzu auch die Aussagen von Katz, Zwi, und Ganor, Soli, in: Schinke, a.a.O. Nachtrag. Vgl. Kaplan, a.a.O., S.14: Demnach kamen die Häftlinge vom Lager Kaufering X am Mittwochabend, also am 25. April 1945, an.

[6]

Vgl. Ginsburg, Waldemar: Recollections of Prisoner No. 82336, S. 50.

[7]

Vgl.: Yad Vashem: M-1/2439: Protokollierte Aussage von Kligerman, Leon vom 14. Juli 1948 und IGG: 071193: Schreiben des ehemaligen Häftlings Hahn, Dr. Franz.

[8]

Vgl. KZGD: 25.096: Protokollierte Aussage von Rehhorn, Valentin vom 30. September 1946. Vgl. auch BayHStA: Dachau-Prozeß, Mikrofilm 20: Protokollierte Aussage des ehemaligen SS-Mannes Baumgartner, Johann vom 5. November 1946: Er berichtet, am 22. oder 23. April 1945 in Landsberg eine Gruppe von "etwa 200 bis 300 Häftlingen, davon 70 bis 80 Frauen", aus dem Lager Kaufering XI gesehen zu haben, die auf dem Weg nach Allach waren.

[9]

Vgl. KZGD: 12.939: Bericht des ehemaligen Häftlings Kárny, Miroslav, S. 13 f.

[10]

 BayHStA: Dachau-Prozeß Mikrofilm 102: Direkt Examination: Witt, Heinrich, ehemaliger SS-Mann.

[11]

KZGD: Dachau-Prozeß-Akte: Eidesstattliche Erklärung von Moll, Otto am 3. November 1945.

[12]

BayHStA: Dachau-Prozeß Mikrofilm 89: Schreiben von Metzler, Wilhelm, an die Rote-Kreuzstelle in Landsberg; ohne Datum.

[13]  

KZGD: 1010: Aufstellung des Konzentrationslagers Dachau über Zu- und Abgänge.

[14]

Vgl. Fried, Norbert, zitiert in: Posset, Anton: Das Ende des Holocaust in Bayern in: Themenhefte. Nr. 2,  S. 31.

[15]

KZGD: 15.786, a.a.O.

[16]

Vgl.: Katz, Zwi, und Ganor, Solly, in: Schinke, Christoph: Nachtrag zur Facharbeit (ohne Seitenangabe). Vgl. auch: IGG: 100293: Bericht von Shul, Abraham, und BayHStA: Dachau-Prozeß, Mikrofilm 102: Direkt Examination: Witt, Heinrich, SS-Mann.

[17]

Vgl. Lehrer Mantler in Chronik der Knabenschule Fürstenfeldbruck, und zwei weitere Zeugenaussagen, zitiert in: Bigalski, Ulrich: Der Leidensweg der Wehrlosen in: Münchner Merkur/Fürstenfeldbrucker Ausgabe vom 28.04.90.

[18]

BayStA: LRA 10860.

[19]

ebd.

[20]

Frau Stegmeir, in: Schinke, a.a.O., Nachtrag

[21]

BaySta: LRA 10860.

[22]  

Von Bigalski und anderen wird unter Berufung auf die Aufstellung des Niederländischen Suchdienstes angenommen, dass die durch Esting und Emmering gezogenen Häftlinge aus Dachau kamen und an unbekannter Stelle bei Emmering auf Güterzüge verladen wurden.

[23]

BayStA: LRA 10860.

[24]

 Vgl. Kaplan, a.a.O., S. 10.

[25]

KZGD: 12.939: Bericht von Kárny, Miroslav.

[26]

Vgl. Posset, Anton: Das Ende des Holocaust in Bayern, in: Themenhefte. Heft 2, S. 32 f.

[27]

Vgl. Kaplan, a.a.O., s.S. 13. Vgl. auch Walter, Dirk: Der Todesmarsch der Kauferinger KZ-Häftlinge. Eichenau 1994.


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Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945.

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