Der Marsch der KZ-Häftlinge über

Grünwald und Kirchbichl nach Bad Tölz

Am 29. April 1945 zog in den frühen Morgenstunden eine Kolonne von mehreren hundert Häftlingen in südlicher Richtung durch Grünwald. Eine Augenzeugin berichtet, dass "die Bürger" in diesem Zusammenhang "für eine bestimmte Zeit (nur einen Tag lang) Anweisung bekommen" hatten, "die Häuser nicht zu verlassen, die Türen zu verschließen, mit der Begründung, dass Verbrecher vorbeiziehen".[1] Die Häftlinge sollen, verglichen mit den anderen auf Marsch befindlichen KZ-Häftlingen, zu diesem Zeitpunkt noch in recht guter körperlicher Verfassung gewesen sein.[2] Die vorhandenen Fotos, auf denen der Marsch der KZ-Häftlinge durch Grünwald festgehalten wurde, bestätigen dies. Eine Augenzeugin schätzt, dass die Häftlingskolonne etwa 100 oder sogar 200 Meter lang war.[3] Anhand eines Fotos, lässt sich die Zahl der Häftlinge auf über 250 schätzen. Eine weitere kleinere Gruppe von KZ-Häftlingen zog, von Neugrünwald kommend, am Hochufer der Isar entlang.[4]

Über die Herkunft der Häftlinge gibt es zwei Hinweise. So sollen sowohl Häftlinge des Dachauer Außenkommandos München-Riem, als auch des Außenkommandos "Agfa Kamerawerk, München" über Grünwald in Richtung Alpen evakuiert worden sein.

Die Evakuierung des Außenkommandos München-Riem soll am 25. April 1945 begonnen haben. Ehemalige Häftlinge berichten, "daß es zwei Gruppen zu je 500 gegeben habe, deren erste über Trudering-München nach Bad Tölz und deren zweite über München, Großhesselohe, Grünwald, Deining nach Dettenhausen marschiert sei".[5]

Die weiblichen Häftlinge des Außenkommandos "Agfa Kamerawerk"[6], das am 27. April 1945 evakuiert wurde, sollen ebenfalls über Grünwald marschiert sein. Am 1. Mai 1945 wurden die Häftlinge, die am 30. April in der Nähe von Wolfratshausen in einer Scheune übernachtet hatten,  von amerikanischen Soldaten befreit.[7]

Demnach müssten durch Grünwald mindestens zwei Häftlingskolonnen gekommen sein, da es sich bei der Kolonne, von der Bildmaterial vorhanden ist, um eine Gruppe von ausschließlich männlichen Häftlingen handelte. Sicher ist, dass sowohl die einen als auch die anderen Häftlinge von Grünwald weiter über Straßlach zogen.

Die Häftlinge des Außenkommandos München-Riem, die durch Grünwald kamen, marschierten weiter über Deining nach Dettenhausen und von dort weiter nach Egling. Dort wurde jedenfalls am "30. April 1945 abends gegen 18 Uhr" ein "völlig entkräfteter" KZ-Häftling "durch die SS Lagerwache" erschossen, der mit anderen Häftlingen "auf dem Durchmarsch von Dachau über Egling nach Tölz" war.[8] Von Egling erfolgte der Weitermarsch über Ascholding in Richtung Bad Tölz. Dabei wurden südlich von Unterleiten bei Hechenberg am 30. April 1945 zwei weitere Häftlinge erschossen.[9] Der ehemalige Landrat Anton Wiedemann bestätigt, dass am Nachmittag des 30. April 1945 aus Richtung Bairawies kommend KZ-Häftlinge nach Bad Tölz marschierten. Er schreibt von "mehreren tausend Häftlingen aus Dachau in den bekannten blau-weiß gestreiften Kitteln". Und weiter: "Von den auf dem Marsch tödlich zusammengebrochenen Leuten wurden einige am Tölzer Friedhof kurzerhand über die Mauer geworfen".[10]

Eine weitere lange Häftlingskolonne zog kurz vor Kriegsende "in den beginnenden Abendstunden" auch durch Brunnthal und von dort weiter in Richtung Hofolding.[11] Über welche Ortschaften die Häftlinge weiterzogen, ist unbekannt. Sowohl von einem Durchkommen der Häftlinge durch Sauerlach, als auch durch Otterfing ist nach Auskunft der beiden Gemeinden nichts bekannt.[12] Doch am 30. April 1945 passiert wahrscheinlich genau dieser Häftlingszug Dietramszell, wo drei KZ-Häftlinge zu Tode kamen.[13] Später marschierte die Häftlingskolonne auch durch Kirchbichl und weiter über Ellbach nach Bad Tölz. Über den Marsch durch Kirchbichl wird berichtet, dass es sich um "2 000 politische Häftlinge" handelte.[14] In Ellbach wurden nach Auskunft des Pfarrverbandes Dietramszell am 30. April und 1. Mai 1945 12 Häftlinge dieser Marschgruppe "von der SS an verschiedenen Stellen" erschossen, weil sie sich "vom Zug entfernt" hatten.[15] Zwei dieser ermordeten Häftlinge sollen Geistliche gewesen sein.[16]

Es ist anzunehmen, dass die Häftlinge, oder zumindest ein großer Teil von ihnen, die über diese Strecke nach Bad Tölz marschierten, aus den Dachauer Außenkommandos "Ottobrunn Luftfahrtforschungsanstalt"[17] und "München-Riem" stammten.


[1] 

Grünwalder Bürgerin N.N., in: Stock, a.a.O., S. 29.

[2]

Lindner, Hubertus in: Stock, a.a.O., S. 18.

[3]

Grünwalder Bürgerin N.N. in: Stock: a.a.O., S: 29 f.

[4]

Hallig, Rosmarie in: Stock, a.a.O., S. 30 f.

[5] 

KZGD: 27.960: Eiber, a.a.O.

[6] 

Das Außenkommando "München, Agfa-Kamerawerk" wurde im Herbst 1944 gegründet. Am 13. September 1944 kamen hierzu in München 500 weibliche Häftinge aus dem Konzentrationslager Ravensbrück an. Es handelte sich um jeweils 200 Frauen aus den Niederlanden und Polen, außerdem um Frauen aus der Ukraine, Belgien, Jugoslawien und anderen Nationen. Untergebracht waren die Häftlinge in einem noch nicht fertiggestellten U-förmigen dreistöckigen Wohnblock an der heutigen Weissenseestraße 7-15.

[7]

KZGD: 27.960: Eiber, a.a.O.

[8] 

Gemeinde Egling: Sterberegister 1945, Nr. 9, Seite 42.

[9]

Pfarrverband Dietramszell: Totenbuch.

[10]

Wiedemann, a.a.O., S. 49.

[11]

IGG: 171094: Schreiben von Wiebelitz, Anna.

[12]

IGG: 051094: Schreiben der Gemeinde Sauerlach und IGG: 191294: Schreiben der Gemeinde Otterfing.

[13] 

Gemeinde Dietramszell: Feststellungsbogen über KZ-Grabstätte in Dietramszell, Dietramszell, den 18. Juni 1954.

[14]

Wiedemann, a.a.O., S. 49.

[15]

Kirchenverwaltung Dietramszell: Totenbuch; Vgl. auch Wiedemann, a.a.O., S. 49.

[16]

Wiedemann, a.a.O., S. 49.

[17]

ZSL: IV 410 AR 469/69: Das KZ-Außenlager "Ottobrunn, Luftfahrtforschungsanstalt" bestand vom 18. Mai 1944 bis zum 26. April 1945. Laut ITS (s.S. 555) hatte es eine durchschnittliche Belegungsstärke von 450 Häftlingen. Diese waren vorwiegend am Bau einer Luftfahrtforschungsanstalt und bei Aufräumungsarbeiten eingesetzt. Untergebracht waren die Häftlinge in Baracken. Das Lagergelände wurde von Wehrmachts- und SS-Angehörigen bewacht und war mit einem Stacheldrahtzaun umgeben.Vgl. hierzu auch Dexheimer, a.a.O.


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Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945.

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