Die Zugtransporte

Von Dachau nach Mittenwald

Am Abend des 26. April 1945 verließ ein Zugtransport mit 1 759 Häftlingen das Konzentrationslager Dachau.[1] Es handelte sich hierbei um Juden, die aus verschiedenen Konzentrationslagern stammen sollen und nach der Aussage des ehemaligen SS-Mannes Hugo Lausterer "ungefähr am 22. April 1945" mit einem Güterzug in Dachau eintrafen.[2] Von Dachau ging der Häftlingstransport weiter über Wolfratshausen, Weilheim und Garmisch-Partenkirchen nach Seefeld in Tirol, wo er am Samstag, dem 28. April 1945, mittags ankam.[3] In jeden Waggon sollen an die 100 Häftlinge eingepfercht gewesen sein. Bewacht wurde der Transport laut Lausterer von "ungefähr 100 SS-Wachposten". Transportführer sollen zwei Männer von der Münchner Polizei gewesen sein.[4]

Nachdem der Zug in Seefeld angekommen war, mussten die Häftlinge zu Fuß in Richtung Elsthal marschieren. 65 Häftlinge, die zu schwach und zu krank waren, mitzugehen, blieben von einem Wachposten bewacht zurück.[5]

Die Häftlinge, die in Richtung Elsthal marschierten, wurden jedoch am Morgen des 29. April wieder nach Seefeld zurückgebracht.[6] Dort hatte dann der Transportführer den Marsch gestoppt und den Häftlingen mitgeteilt, dass der Krieg zu Ende sei und sie hingehen können, wohin sie wollen. Am Abend soll er den Bürgermeister von Seefeld gebeten haben, zur Unterbringung der Häftlinge Scheunen zur Verfügung zu stellen. Am nächsten Tag, dem 30. April, erschien plötzlich ein "spezielles Sonderkommando" und trieb die Häftlinge wieder zusammen. Anschließend wurden sie erneut auf Güterwaggons verladen. Etwa zehn Kilometer von Seefeld entfernt hätten die Häftlinge erschossen werden sollen, was jedoch von einem Leutnant verhindert worden sein soll. Später marschierten die Häftlinge weiter nach Mittenwald, wo sie schließlich befreit wurden.[7]

Unklar ist, ob es sich bei einer Kolonne, die am 30. April 1945 durch Mittenwald in Richtung Scharnitz in Richtung Süden zog um den selben Transport handelte.

Dr. Christian Hallig, der in der Widerstandsgruppe "Turicum" aktiv war und sich Ende April 1945 in Mittenwald aufhielt, berichtet, dass die Häftlingskolonne aus etwa 800 Menschen bestand.[8] Noch in Mittenwald konnten Mitglieder der Widerstandsgruppe "Turicum" "acht oder neun Gefangene", die am Ende der Kollone marschierten, befreien. Von ihnen erfuhr die Widerstandsgruppe, dass die Häftlinge "auf den Isarinseln bei Scharnitz ausgesetzt werden sollten, um dort zu verhungern oder zu erfrieren".[9] Daraufhin soll von einem "Turicum"-Anhänger "die noch verbliebene Wehrmacht alarmiert worden sein", die dann sofort loszog, "die SS-Wachen vom Häftlingszug in die Flucht" zu schlagen. Schließlich wurden die KZ-Häftlinge so "kurz vor Scharnitz schon in Sichtweite der Isarinseln" befreit.[10]

Bereits am 27. April 1945 sollen 2 000 weitere Häftlingen aus dem Konzentrationslager Dachau nach Emmering gebracht und dort auf einen Zug verladen worden sein. Der Zug fuhr von dort laut des niederländischen Suchdienstes bis Wolfratshausen wo die Häftlinge der Marschkolonne, die sich in Richtung Bad Tölz bewegte, angeschlossen wurden.[11]

Ein weiterer Zugtransport mit Häftlingen fuhr von Allach aus in Richtung Tirol. Am 30. April 1945 erreichte er Iffeldorf bei Penzberg. Dort wurden die Häftlinge noch am selben Tag befreit.[12]

Von Kaufering nach Dachau

Die Kauferinger Häftlinge, die nicht auf Marsch geschickt wurden und zunächst in den Lagern zurückblieben, wurden auf Vieh- und Güterwaggons geladen und sollten so in Richtung Dachau transportiert werden. Es handelte sich hierbei zum größten Teil um  Häftlinge des Krankenlagers Kaufering IV, die nicht marschfähig waren.

Der Befehl zur Räumung des Lagers Kaufering IV kam am 25. April 1945. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch etwa 3 000 Häftlinge in dem Lager. Nur etwa 300 von ihnen machten sich am Nachmittag zu Fuß auf den Weg.[13] Die anderen Häftlinge sahen sich nicht in der Lage, einen längeren Fußmarsch auf sich zu nehmen, oder lehnten diesen ab. "Ich war unfähig, nur einen Schritt zu tun. Wenn ich sterben musste, so konnte ich genau auch hier sterben", erinnert sich der ehemalige Häftling Dr. Albert Menasche.[14] Doch die zurückgebliebenen Häftlinge mussten sich zu einem etwa 500 Meter vom Lager entfernt liegenden Bahngleis begeben und dort einen Güterzug besteigen. Nicht gehfähige Häftlinge wurden auf Pferdefuhrwerken und Ochsengespannen, die die SS aus den Ortschaften der näheren Umgebung holte, zum Zug gebracht.[15] Die Wiese vor dem Bahndamm war mit todkranken und sterbenden Häftlingen übersät. Der ehemalige Häftling Samuel Berger:

"Ich schleppte meine müden Beine weiter voran und vor einem Gleis im Walde sollten wir stehenbleiben und warten, was kommen sollte. Die Lichtung war von Kranken und entkräfteten Leidensgenossen übersät. Die meisten lagen oder saßen auf dem kalten, nassen Boden und riefen in vielerlei Sprachen um Hilfe: Man sollte ihnen die Hand reichen, sie wollten aufstehen. Aus eigener Kraft würden sie es nicht schaffen. Ich mußte zu meiner Schande gestehen, aber auch mit der plausiblen Erklärung, daß ich meine Hand zur Hilfe aus dem einfachen Grund nicht streckte, daß man mich heruntergezogen hätte, und ich hätte genausowenig Kraft aufbringen können, mich dann zu erheben."[16]

Mit drei Zugtransporten sollten die Häftlinge, jeweils 800 an der Zahl, schließlich von dort in das Lager Kaufering I bei Landsberg gebracht werden. Der erste fuhr am Abend des 25. April 1945 ab.[17] Der zweite Transport am frühen Morgen am 26. April. Dieser wurde jedoch nur wenig später von alliierten Jagdflugzeugen angegriffen, wobei die Lokomotive beschädigt wurde. Der Zug wurde daraufhin zum Lager zurückgeschoben und die Toten und Verwundeten ausgeladen. Dann wurde erneut ein Transport zusammengestellt. Dieser fuhr in der Nacht zum 27. April 1945 ab.[18]

Im Lager Kaufering I angekommen, wurde schließlich ein neuer großer Zugtransport  zusammengestellt. Es ist anzunehmen, dass der letzte Zug, der vom Lager Kaufering IV  in der Nacht zum 27. April 1945 wegfuhr, später diesem angeschlossen wurde.  Er soll insgesamt aus etwa 40, zum größten Teil offenen, Güterwaggons bestanden sein.[19] Und, "nahezu 3500 Häftlinge" sollen sich auf ihm befunden haben.[20] Der ehemalige Häftling Dr. Z. Grinberg dazu:

"Es handelte sich um schwerkranke, erschöpfte, abgemagerte und kaum noch lebendige Kreaturen. Ein Teil waren Flecktyphuskranke, die anderen Tuberkulose und der Rest akute fieberhafte Krankheiten. Es waren Kranke, die eigentlich nicht transportabel waren, und schon gar nicht in Güterwaggons 70 - 80 Mann in einem Waggon. Die Kranken wurden wie leblose Wesen verfrachtet und sie lagen in einem jämmerlichen Zustand in den Waggons ..."[21]

In der Nacht vom 26. auf den 27. April 1945 fuhr der Zug in Richtung Dachau los. Da in der Nacht aber immer wieder Fliegeralarm gegeben wurde, blieb er oft stundenlang stehen und kam so nur bis kurz vor Schwabhausen.[22] Dort wurde der Zug am 27. April 1945 von alliierten Jagdflugzeugen angegriffen. Grinberg schildert den Angriff so:

"Wir befanden uns vor dem Dörfchen Schwabhausen, welches eine Bahnstation hatte. Gegen 8 Uhr früh stand dort auf dem Gleise ein Flak- und Verpflegungszug der deutschen Luftwaffe. Um 1/2 9 Uhr waren amerikanische Beobachter in dieser Gegend und beobachteten den Flakzug. Daraufhin wurde der Flakzug ausrangiert und an dieser Stelle plazierte man den langen Häftlingszug mit nahezu 3500 Häftlingen, von denen 95 Prozent Juden waren. Der Flakzug begab sich auf ein zweites Gleis und wurde durch den Häftlingszug gedeckt. Man hat also absichtlich den Flak- und Verpflegungszug der Luftwaffe durch den Häftlingszug abschirmen wollen. Gegen 10 Uhr zeigten sich am Himmel die ersten amerikanischen Jagdbomber. Der Kommandoführer des Zuges, Obersturmführer Müller, gab den Befehl, den Zug nicht zu verlassen. 'Wer den Zug verläßt, der wird erschossen, auch während eines Luftangriffs.' Gegen 10.15 Uhr ließen sich die Jagdbomber auf den Zug herunter und begannen die Lokomotive und die ersten Waggons zu beschießen. Es entstand ein großes Chaos und eine endlose Verwirrung."[23]

Die SS und auch die Häftlinge, die dazu in der Lage waren, flüchteten in den Wald und suchten dort Deckung. Nach 10 Minuten war der Angriff vorüber. Überall, in den Waggons, am Bahndamm und in dem benachbarten Wald, lagen tote und nach Hilfe schreiende verwundete Häftlinge. Grinberg berichtet von 136 Häftlingen, die unmittelbar bei dem Angriff ihr Leben verloren. Weitere Häftlinge wurden getötet, als die SS nach dem Angriff auf die Häftlinge schoss, die in den Wald geflüchtet waren.[24] In einer anderen Quelle wird die Zahl der im Zusammenhang mit dem Luftangriff zu Tode gekommenen Häftlinge sogar mit 1 000 angegeben.[25]

Gegen Abend erfolgte schließlich der Befehl zur Weiterfahrt. Der ehemalige Häftling Grinberg:

"Es hieß, am Abend wird der Zug weiterfahren. Und wirklich, gegen Abend kam der plötzliche und schnelle Befehl "Einsteigen", und kaum ist der Befehl ergangen, so setzte sich der Zug in Bewegung und fuhr fort."[26]

Doch etwa 400 bis 500 Häftlinge blieben im Wald zurück. Einige von ihnen waren zum Teil schwer verletzt. Im Laufe des nächsten Tages, dem 28. April 1945, verbreiteten sich die Häftlinge "in einem hinkenden, schleppenden Tempo" über das Dorf, "um bei Bauern Lebensmittel zu betteln". "Der Bürgermeister befahl dem Vokssturm des Dorfes, die Häftlinge am Bahnhof zusammenzutreiben", berichtet Grinberg. Dort sollten die Häftlinge erneut auf einen Zug verladen werden, was durch das Herannahen der amerikanischen Truppen jedoch nicht mehr geschah.[27]

Die anderen Häftlinge, die mit dem Zug weitertransportiert wurden, kamen am Vormittag des 28. April 1945 in Dachau an.[28] Am Abend erschienen schließlich neue SS-Leute und forderten die Häftlinge auf, den Zug zu verlassen. Anschließend mußten sie ins Konzentrationslager marschieren. Die kranken Häftlinge wurden zusammen mit den Toten mit Lastkraftwagen ins Lager gebracht.[29]

Wie noch kurz vor Kriegsende vermerkt wurde, erreichten nur noch 1602 männliche und 167 weibliche Häftlinge, darunter 7 Kleinkinder, von diesem Transport aus Kaufering das Konzentrationslager Dachau lebend.[30] Die genaue Zahl der Toten und derjenigen, die fliehen konnten, ist unbekannt.

Von Mühldorf nach Tutzing

Auch die Konzentrationslager-Gruppe Mühldorf wurden per Zugtransport geräumt. Am 25. April 1945 wurden die jüdischen KZ-Häftlinge im Laufe des Nachmittags am Mühldorfer Bahnhof auf einen Güterzug verladen.[31] Nur etwa 300 arische und 550 kranke Häftlinge blieben in den Lagern "M I" und "Waldlager V/VI" zurück.[32] In einem Memorandum der ehemaligen Lagerschreiber, das von ihnen im Mühldorf-Prozess vorgelegt wurde, wird die Zahl der Häftlinge dieses Zugtransportes mit etwa 3 600 angegeben.[33] Der ehemalige SS-Angehörige Joseph Heller bestätigt diese Zahl in seiner Aussage und gibt am 1. Oktober 1946 zu Protokoll, dass der Zug aus etwa 60 bis 70 kleineren und größeren geschlossenen und wenigen offenen Güterwaggons bestand. In jedem Güterwaggon waren je nach dessen Größe ungefähr 80 Häftlinge  eingepfercht.  Insgesamt  waren,  so  Heller,  zwischen  3 500 und 4 000 Häftlinge auf diesem Transport.[34] Auch Ernst Morlock, ebenfalls ein ehemaliger SS-Angehöriger der den Zug als Wachposten begleitete, gibt die Zahl der mit diesem Transport weggebrachten Häftlinge in einer ähnlichen Größenordnung an und spricht von ungefähr 3 000 Häftlingen, allerdings aber "nur" von 30 bis 50 Waggons.[35]

Als Wachpersonal waren dem Häftlingstransport etwa 100 SS-Leute zugeteilt, die in drei Waggons untergebracht waren, wovon sich jeweils einer am Anfang, einer in der Mitte und einer am Schluss des Zuges befand.[36] Von Mühldorf bis Poing hatte ein gewisser Hauptscharführer Maier dass Kommando.[37] Der ehemalige Häftling Max Mannheimer berichtet, dass sich unter der Wachmannschaft auf diesem Transport auch Wehrmachtsangehörige befanden.[38]

Ungefähr um sechs oder acht Uhr abends am 25. April 1945 setzte sich der Zug in Bewegung.[39] Durch überraschende Tieffliegerangriffe wurde er aber immer wieder zum Halten gezwungen, so dass er erst am folgenden Tag, dem 26. April 1945 morgens, die Ortschaft Ampfing erreichte.[40] Nachdem der Zug auch hier wieder eine Zeitlang stehen geblieben war, setzte er seine Fahrt über Dorfen und Markt Schwaben fort. Am Morgen des 27. April 1945 kam er in Poing an.[41]

In Poing wurde der Zug auf ein Nebengleis des Bahnhofs geschoben und am Rande eines Waldes abgestellt. Gegen 17 Uhr soll dann der Bahnhofsvorsteher gekommen sein und von einem Waffenstillstand berichtet haben.[42] Die Wachmannschaft erklärte den Häftlingen daraufhin, sie seien frei und könnten hin gehn, wohin sie wollen.[43] Der ehemalige Häftling Ernst Israel Bornstein:

"Auf einmal merkten wir, daß die SS, die unseren Waggon bewachte, verschwunden war. Wir schauten aus dem Waggon und sahen, wie sich die Wachposten um den Lagerführer versammelten, der eine kurze Ansprache an sie hielt. Nach einigen Minuten kamen die SS-Wachen zurück, machten die Waggontüren weit auf und sagten uns, wir seien frei."[44]

Ein Lebensmittelwaggon, der sich im forderen Teil des Zuges befand, war nun Ziel der Häftlinge und wurde geplündert. Ernst Israel Bornstein:

"Einige von den Blockältesten und den Kapos riefen die SS-Leute zu Hilfe, um die Leute zurückzudrängen, aber die ausgehungerte Menschenmasse bemächtigte sich gewaltsam des Waggons und plünderte ihn aus. Alles, was beweglich war, wurde fortgeschleppt, und bald war kein Laib Brot, kein Stück Käse mehr übrig. Wir, die wir ohne Beute ausgegangen waren, kreisten wie hungrige Hyänen um den Waggon und starrten ins leere Dunkel. Manche von uns kratzten die Reste der Margarine vom Boden, die im Ansturm zertrampelt worden waren."[45]

Die Häftlinge begaben sich in kleineren und größeren Gruppen in die Ortschaft und auf nahegelegene Bauernhöfe, um Lebensmittel zu organisieren. "Andere fielen in einen Kartoffelacker ein und würgten die Kartoffeln so dreckig und roh wie sie waren hinunter", berichtet der ehemalige Häftling Moshe Sandberg.[46] Der Großteil der Wachmannschaft, die den Zug von Mühldorf bis hierher begleitet hatte, verschwand in der Zwischenzeit.[47] Doch plötzlich wurden die Häftlinge von "Polizisten, bewaffneten Zivilisten und Soldaten von der FLAK" mit Waffengewalt auf den Bahnhof zurückgetrieben.[48] Andere Quellen sprechen von einer "Feldeinheit der Waffen-SS", die in einem benachbarten Wald stationiert war, bzw. von Soldaten der Luftwaffe.[49] Ernst Israel Bornstein schreibt hierüber:

"Mit aufgepflanztem Gewehr trieben sie uns gruppenweise zusammen und jagten uns zu unseren Waggons zurück. Auf dem ganzen Weg vom Dorf Poing bis zum Bahnhof lagen unsere toten und verwundeten Kameraden, die bei dieser Hetzjagd auf der Strecke geblieben waren. Einige wälzten sich in ihrem Blut, stöhnten und baten um Hilfe, aber keiner von uns konnte sich um sie kümmern, jeder rannte um das eigene Leben. Wer nicht schnell genug vorwärts kam, wurde erstochen oder erschossen."[50]

Der ehemalige Häftling Jenö Sáfár berichtet, dass die Häftlinge "zur Strafe dezimiert" wurden: "Das geschah in der Weise, daß wir alle in einer Reihe aufgestellt und jeder dritte Mann erschossen wurde."[51]

Anschließend wurden die Häftlinge wieder in die Güterwaggons gesperrt. Die toten Häftlinge wurden auf den Zug geladen.[52] Wenig später griffen Tiefflieger der Alliierten den Bahnhof und den mit den Häftlingen beladenen Zug an. Dabei wurde die Lokomotive zerstört.[53] Auch hier gab es Tote und Verwundete.[54] Der ehemalige Häftling Ernst Israel Bornstein schreibt darüber:

"Langsam flogen die Maschinen dicht über unseren Zug hinweg. Ein Flakartilleriegeschütz in Bahnhofsnähe begann jetzt, einige Salven auf die Tiefflieger abzugeben. Kurz darauf erschienen dichte Schwärme von Flugzeugen am Himmel, die uns in geschlossenen Formationen anflogen und die am Bahnhof stehenden Züge und auch den Bahnhof selbst mit Maschinengewehrsalven belegten. Die Kugeln schlugen auf die Waggonwände und durchdrangen gelegentlich wohl auch die Bretterwände, denn plötzlich hörte man den Aufschrei von Verwundeten in unseren Waggons."[55]

Spät in der Nacht vom 27. auf den 28. April 1945, nachdem eine neue Lokomotive zur Verfügung stand, fuhr der Zug weiter.[56] In München setzten sich aufgrund der über Rundfunk übertragenen Aufrufe der "Freiheitsaktion Bayern" erneut SS-Leute ab.[57] Nach Aussage des ehemaligen SS-Angehörigen Ernst Morlock wurde der Häftlingstransport in zwei Züge geteilt. Der fordere Teil des Zuges mit etwa 1 200 Häftlingen, bewacht von 13 Wachen, fuhr unter Führung von Hauptscharführer Blaesin weiter über Wolfratshausen und Bichl nach Tutzing .[58]

Am 28. April 1945 kam der erste Zug in Seeshaupt an. Dort wurden die Häftlinge vom Deutschen Roten Kreuz mit warmer Suppe versorgt. Verwundete und kranke Häftlinge erhielten in beschränktem Umfang medizinische Hilfe. Tote Häftlinge wurden aus den Waggons geladen und später beerdigt. Am Sonntag, 29. April 1945, wurde der Zug, der immer noch in Seeshaupt stand, von amerikanischen Tieffliegern angegriffen. Dabei wurde eine unbekannte Anzahl von Häftlingen getötet und verwundet. Die Häftlinge versuchten daraufhin, auf sich aufmerksam zu machen, indem sie Häftlingskleidung auf die Dächer der Waggons legten und so signalisierten, dass es sich um einen Häftlingstransport handelt. Die Tiefflieger drehten daraufhin ab. Gegen Abend fuhr der Zug weiter, hielt aber schon nach wenigen Kilometern in der Ortschaft Bernried. Dort erklärte ein Schweizer Konsul, dass die Häftlinge ab sofort unter der Aufsicht des Internationalen Roten Kreuzes stünden. Noch am selben Abend kam der Häftlingstransport in Tutzing an.[59] Der ehemalige Reichsbahnrat Dr. Fey bestätigt die Übergabe des Zuges in Bernried an das Rote Kreuz. Er berichtet, dass der Zugtransport über Garmisch-Partenkirchen nach Innsbruck gehen sollte. Doch "der Gauleiter von Tirol lehnte die Übernahme des Zuges ab". Dr. Fey weiter:

"Trotz dieser Ablehnung wurde der Zug nach Bernried weitergeleitet. In Bernried sollte die Leitung des Schweizer Roten Kreuzes die Versorgung der KZ-Leute übernehmen. Der Zug wurde daraufhin ohne weitere Nachfrage nach Tutzing weitergeleitet und in Tutzing hinterstellt."[60]

In Tutzing soll kurz vor dem Eintreffen amerikanischer Truppen nochmals ein Luftangriff auf den Bahnhof erfolgt sein. So berichtet der ehemalige Häftling Jenö Sáfár:

"Dann führte man uns weiter nach Tutzing, wo wir noch einen heftigen Angriff amerikanischer Bomber mitzumachen hatten. In der Station von Tutzing stand nämlich ein deutscher Militärzug, der das Angriffsziel der Amerikaner war. Dabei wurde auch unser Zug von einer Bombe getroffen, und wir hatten viele Todesopfer zu beklagen. Kurz darauf marschierten amerikanische Truppen in die Stadt ein, die auch uns befreiten."[61]

Am 30. April 1945 erschienen schließlich die ersten amerikanischen Soldaten. Bornstein:

"Die Waggontüren wurden aufgerissen, und Gestalten in fremden Uniformen zeichneten sich deutlich vor uns ab. Zögernd verließen wir die Waggons, schauten vorsichtig in alle Richtungen, aber nirgends eine Spur von unserem alten Wachpersonal. ... Gerne hätten wir die Soldaten in die Arme geschlossen und ihnen gedankt für das große Glück, daß wir wieder freie Menschen sein durften, daß wir tatsächlich Soldaten der amerikanischen Armee gegenüberstanden. Aber unser Anblick ließ normale Menschen wohl zurückschrecken und ließ es ihnen ratsam erscheinen, eine allzu nahe Berührung mit uns zu vermeiden."[62]

Der andere Teil des Mühldorfer Häftlingstransport fuhr am 29. April 1945 von Wolfratshausen mit dem Ziel Kochel weiter.[63] Er traf dort am 30. April im Bahnhof ein. Hier sollten die Häftlinge von einem SS-Kommando übernommen und angeblich in die Schweiz weitertransportiert werden. Da aber keine Lastwagen zur Verfügung standen, und auf Veranlassung des damaligen Bahnhofsvorstandes soll der Zug dann gegen Abend nach Seeshaupt geleitet worden sein.[64] Hier blieb der Zug stecken, und die Häftlinge wurden wenig später von den Amerikanern befreit. Der ehemalige Häftling Samuel Hutterer berichtet:

"Doch stellte man uns noch eine andere Lokomotive zur Verfügung und wir fuhren zur Bahnstation retour, sodaß wir auf die Bahnstation Seeshaupt am Starnberger See kamen. Von dieser Bahnstation war keine Möglichkeit, weitere Verbindung zu haben, wo wir schon benachrichtigt wurden von dem Stationsvorstand, daß die Amerikaner vor der kleinen Stadt stehen. Viele SS fanden zum Ausreißen, und die gebliebenen Posten warteten bis zum Einmarsch der amerikanischen Panzerspitztruppen. Zum Glück, nach ein paar Stunden erblickten wir von Ferne den Einmarsch der amerikanischen  Spitztruppen. Sie wurden von uns mit großem Jubel empfangen."[65]

Luftangriff auf zwei Häftlingstransporte in Beuerberg

Bereits am 29. April 1945, gegen 11 Uhr vormittags, wurden in Beuerberg zwei mit Häftlingen beladene Züge mit jeweils etwa 20 Waggons, die am Bahnhof abgestellt wurden, von alliierten Jagdbombern angegriffen und mit der Bordkanone beschossen.[66] Die Häftlinge, die in Beuerberg von älteren Männern des Volkssturm bewacht und zu diesem Zeitpunkt gerade von Bürgen aus Beuerberg mit Lebensmitteln versorgt wurden, verließen daraufhin panikartig die Waggons und zerstreuten sich in der Umgebung des Bahnhofes.[67] Bei dem Angriff sollen etwa 20 bis 30 Häftlinge ums Leben gekommen sein.[68] In der Beuerberger Kirchenchronik heißt es sogar, daß dabei über 100 Häftlinge getötet worden seien.[69] Der damals 17jährige Andreas Grünwald, der in Beuerberg wohnte, berichtet, dass die Toten in einen offenen Güterwaggon, den einer der beiden Züge mit sich führte, geworfen wurden. Dieser sei zur Hälfte mit Leichen gefüllt gewesen.[70] 13 weitere Häftlingsleichen wurden, nachdem der Zug weitergefahren war, am Bahnhof beerdigt.[71] Die Grabstätte wurde gekennzeichnet, indem Esslöffel in die Erde gesteckt wurden.[72]

Bei dem Angriff wurde die Lokomotive des einen Zuges getroffen. Die beiden bisher voneinander getrennten Züge wurden daraufhin zusammengekuppelt. Der neu zusammengestellte Zug fuhr schließlich noch am selben Tag in Richtung Bichl weiter.[73] Unklar ist, ob beide Häftlingstransporte aus dem Konzentrationslager Mühldorf stammten.[74]


[1]

KZGD: 1.008: Konzentrationslager Dachau, Schutzhaftlagerführer: Transporte aus KL Dachau am 26. April 1945; Aufstellung vom 27.04.1945.

[2]

KZGD: 6598: Eidesstattliche Erkärung von Lausterer, Hugo vom 31.10.1945.

[3]

ebd.

[4] 

ebd.

[5]

ebd.

[6]

ebd.

[7]

Yad Vashem: 03/2941: Bericht eines ehemaligen KZ-Häftling (Name unleserlich). Vgl. auch KZGD: 6598: Eidesstattliche Erkärung von Lausterer, Hugo vom 31.10.1945. Er berichtet ebenfalls, dass die Häftlinge am Montag, also am 30. April 1945, wieder auf einen Zug verladen und in Richtung Mittenwald transportiert wurden.

[8]

Hallig, Dr. Christian: Festung Alpen - Hitlers letzter Wahn - wie es wirklich war, Freiburg im Breisgau, 1989, S.34 zitiert in Stock, a.a.O.

[9]

Hallig, Dr. Christian in: Stock, a.a.O., S. 31 f.

[10]

ebd.

[11] 

KZGD: 15.786 a.a.O.

[12]

Vgl. Yad Vashem: M-1/E 2296: Bericht des ehemaligen Häftling Friedman, Ester. Vgl. auch KZGD: 15.786 a.a.O. Der niederländische Suchdienst bestätigt, dass am 30. April 1945 in Iffeldorf 2 600 Häftlinge eines Zugtransportes befreit wurden. Als Herkunft gibt er jedoch Dachau an.

[13]

Fried, Norbert, in: Posset, Anton: Das Ende des Holocaust in Bayern, in: Themenhefte. Heft 2. a.a.O., S. 31.

[14]

Menasche, Dr. Albert, in: Posset, Anton: Das Ende des Holocaust in Bayern, a.a.O., S. 29

[15]

Garai, Dr. A. Jehuda, in: Posset, Anton: Das Ende des Holocaust in Bayern, a.a.O., S. 30.

[16] 

Berger, Samuel, in: Posset, Anton: Das Ende des Holocaust in Bayern, a.a.O., S. 31.

[17]

Fried, Norbert, in: Posset, Anton: Das Ende des Holocaust in Bayern, a.a.O., S. 31.

[18]

Posset, Anton: Das Ende des Holocaust in Bayern, a.a.O., S. 31 f.

[19]  

Goldstein, Dr. I., in: Kaplan, a.a.O., S. 29 ff.

[20]

Grinberg, Dr. Z.: Bericht an den Jüdischen Weltkongreß Genf, St. Ottilien, 31.05.1945, in: Themenhefte. Heft 2, a.a.O., S. 45 f.

[21]

ebd.

[22]

ebd.

[23]

ebd.

[24]

ebd.

[25]

KZGD: 7429/1: ITS-Bericht der US-Armee, Augsburg, 16.08.1950

[26]

Grinberg, Dr. Z.: Bericht an den Jüdischen Weltkongreß Genf, St. Ottilien, 31.05.1945, a.a.O., S. 45 f. Vgl. auch Yad Vashem : M-1/E-790: Protokollierte Aussage eines ehemaligen Häftlings (Name unleserlich). Dieser gibt an, dass die Lokomotive bei dem Luftangriff beschädigt wurde, am Abend aber eine neue ankam. Der größte Teil der Häftlinge musste wieder in die Waggons und wurde nach Dachau gebracht. Der kleinere Teil blieb in Schwabhausen zurück.

[27]

Grinberg, Dr. Z.: Bericht an den Jüdischen Weltkongreß Genf, St. Ottilien, 31.05.1945, a.a.O., S. 45 f.

[28]

KZGD: 993: Konzentrationslager Dachau. Auflistung der Zugänge am 28.04.1945. Vgl. auch Goldstein, Dr. I., in: Kaplan, a.a.O., S. 29 ff.

[29] 

Goldstein, Dr. I., in: Kaplan, a.a.O., S. 29 ff.

[30]

KZGD: 993: Aufstellung der Zugänge im Konzentrationslager Dachau am 28.04.1945.

[31] 

Person, Rabbi Elchanan, in Kaplan, a.a.O., S. 34; Bornstein, a.a.O., S. 235.

[32]

Geschichtswerkstatt Mühldorf e.V. (Hrsg.): Aktion Spurensuche, Mühldorf 1990, S. 118

[33]

ebd.

[34] 

BayHsta: Dachau-Prozeß, Mikrofilm Nr. 3: Aussage von Heller, Joseph am 01.10.46.

[35]

BayHsta: Dachau-Prozeß, Mikrofilm Nr. 3: Aussage von Morlock, Ernst.

[36]

Vgl.: BayHsta: Dachau Prozeß, Mikrofilm Nr. 3: Aussage von Jeisel, Josef und Heller Joseph.

[37] 

BayHsta: Dachau-Prozeß, Mikrofilm Nr. 3: Aussage von Morlock, Ernst.

[38]

Mannheimer, Max: Theresienstadt-Auschwitz-Warschau-Dachau, in: Distel, a.a.O., S. 128.

[39]

BayHsta: Dachau Prozeß, Mikrofilm Nr. 3: Aussage von Heller, Joseph am 01.10.46.

[40]

Person, Rabbi Elchanan in: Kaplan, a.a.O., S. 34 ff. Bornstein, a.a.O., S. 235.

[41]

ebd.

[42]  

Person, Rabbi Elchanan in: Kaplan, a.a.O., S. 34 ff. Vgl. auch: BayHStA: Dachau-Prozeß, Mikrofilm Nr. 3: Aussage von Jeisel, Josef vom 20.09.46.

[43]

Person, Rabbi Elchanan in: Kaplan, a.a.O., S. 34 ff.

[44]

Bornstein, a.a.O., S. 236.

[45]

ebd., S. 237.

[46]

Sandberg, Moshe: My longest Year, Jerusalem 1968; hier: Übersetzung von Westebbe, Dr. Peter, S. 5.

[47]

Bornstein, a.a.O., S. 237.

[48]

BayHStA: Dachau-Prozeß, Mikrofilm Nr. 3: Aussage von Jeisel, Josef vom 20.09.46.

[49]

Vgl.: BayHStA: Dachau-Prozeß, Mikrofilm Nr. 3: Aussage von Ernst Morlock und Bornstein, a.a.O., S. 238.

[50]

Bornstein, a.a.O., S. 239.

[51]

Ungarische Auschwitz-Stiftung: 2885: Protokollierte Aussage von Sáfár, Jenö.

[52]

IGG: Schreiben der Gemeinde Poing ohne Datum (Az.: 11/322-2): Laut Auskunft der Gemeinde Poing sind im Zusammenhang mit der Tötung von KZ-Häftlingen dieses Zugtransportes vom Standesamt keine Sterbefälle beurkundet worden. Auch in den Kirchenbüchern gibt es hierzu keine Eintragungen. Es muss daher davon ausgegangen werden, dass die toten Häftlinge, wie auch anderswo, auf den Zug geladen wurden.

[53]

KZGD: 12.561: Bericht des ehemaligen Häftlings Hutterer, Samuel.

[54]

Bornstein, a.a.O., S. 240. Vgl. auch Mannheimer, Max, in: Distel, a.a.O., S. 128.

[55] 

Bornstein, a.a.O., S. 240.

[56] 

Vgl.: BayHStA: Dachau-Prozeß, Mikrofilm Nr. 3: Aussage von Ernst Morlock und Jeisel, Josef.

[57]   

BayHStA: Dachau Prozeß Mikrofilm Nr. 3: Aussage von Morlock, Ernst

[58]

ebd.

[59] 

Person, Rabbi Elchanan, in: Kaplan, a.a.O., S. 35.

[60]

Archiv der Gemeinde Tutzing: Sammelakt zum Sterbebuch Jahrgang 1945: Bericht von Dr. Ferd. Fey, Reichsbahnrat in Tutzing.

[61]

Ungarische Auschwitz-Stiftung: 2885: Protokollierte Aussage von Sáfár Jenö.

[62]

Bornstein, a.a.O., S. 242 f.

[63]

Yad Vashem: M-1/DN-21/1584: Befehl.

[64]

Wiedemann, a.a.O., S. 49.

[65] 

KZGD: 12561: Bericht des ehemaligen Häftling Hutterer, Samuel.

[66] 

IGG: Schreiben des Eurasburger Bürgermeisters Fischhaber vom 06.09.1994. Vgl. auch IGG: Grünwald, Andreas: Gespräch vom 02.12.94.

[67]

ebd.

[68]

ebd.

[69]

Beuerberger Kirchenchronik, S. 60.

[70] 

Grünwald, Andreas: Gespräch am 02.12.94.

[71] 

IGG: Schreiben der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen vom 16.08.1990, Az.: 11 - 10 276/90 - I b.

[72]

IGG: Schreiben des Eurasburger Bürgermeisters Fischhaber vom 06.09.1994.

[73] 

ebd.

[74]

Sandberg, a.a.O., hier: Übersetzung von Westebbe, Dr. Peter, S. 5. Sandberg berichtet, dass am Tag vor dem Eintreffen in Seeshaupt der Zug von Tieffliegern angegriffen wurde. Wenn diese Zeitangabe kein Irrtum ist, kann dieser Angriff nur in Beuerberg stattgefunden haben.

 

Vorheriges Kapitel

Inhalt

Nächstes Kapitel

Todesmarsch. Die Räumung und Teilräumung der

Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945.

© a-wagner-online, Geretsried 1995-2007. Alle Rechte vorbehalten!

www.a-wagner-online.de