Die Bewachung

Während des Marsches und der Zugtransporte wurden die Häftlinge von SS-Wachmannschaften und teilweise von Angehörigen der Wehrmacht und der Polizei bewacht. Verstärkt wurde die reguläre Wachmannschaft zudem von Lagercapos und durch deutschstämmige Häftlinge, die Sonderbefugnisse bekommen hatten.

Ein ehemaliger Häftling schätzt die Stärke der Wachmannschaft während des Marsches ab Dachau auf rund 600 SS-Leute und 20 Hundeführer.[1] Ein anderer ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Allach spricht von 400 Wachposten, die die Häftlinge auf ihrem Marsch begleiteten.[2] Hinzu kommen noch mehrere hundert SS-Angehörige, die die Häftlinge der Kauferinger, Mühldorfer und anderer Außenkommandos während ihrer "Evakuierung" bewachten.

Nach der Aussage des ehemaligen SS-Sturmbannführers Fritz Degelow wurde "jede Marschkolonne von 1500 Häftlingen" von etwa 100 SS-Männern bewacht.[3] Der ehemalige SS-Unterscharführer Albin Gretsch, der ebenfalls als Wachposten an dem Marsch von Dachau in Richtung Bad Tölz teilgenommen hatte, gab dagegen eine etwas niedrigere Zahl an und berichtet, er sei mit vier weiteren Posten für die Bewachung von 100 Häftlingen verantwortlich gewesen.[4]

Die   SS   war  zum  Teil  schwer  mit  Pistolen,  Karabinern,  Maschinenpistolen  und -gewehren und Handgranaten bewaffnet. Einige Posten führten auf Menschen in Sträflingskleidung abgerichtete Hunde mit. Vor dem Abmarsch aus dem Konzentrationslager Dachau wurde den SS-Wachen der Befehl erteilt, dass "jeder Fluchtversuch mit der Waffe zu verhindern" sein und dass "keine Häftlinge unbewacht" zurückbleiben dürften.[5]

Wie schon erwähnt, sollten Lagercapos und sogenannte "reichsdeutsche" Häftlinge die reguläre Wachmannschaft unterstützen. Ein ehemaliger Allacher Häftling berichtet, dass an die "meisten Reichsdeutschen weiße Armbinden mit der Aufschrift 'Lagerpolizei' ausgegeben" wurden, die den Auftrag hatten, "eventuelle Fluchtversuche unserer russischen Kameraden zu verhindern."[6] Der ehemalige Kapo Wilhelm Metzler berichtet sehr ausführlich, wie im Lager Kaufering II und anschließend im Konzentrationslager Dachau deutsche Häftlinge zur Verstärkung der Wachmannschaft "ausgewählt" wurden:

"Im April 1945 war ich in Kaufering, Lager II, von wo ich mit 22 anderen deutschen Häftlingen den evak. Marsch nach Dachau als Gewehrträger, wie unser Lagerführer Hauptscharführer Moll uns nannte, mitgemacht habe. Bei der erfolgten Auslese durch Moll hat M. den ersten deutschen Häftling auf seine Einwendung, "nach all den Lagerjahren könne er jetzt nicht als SS-Mann mitmarschieren", niedergeschlagen und uns gesagt: er habe den Befehl, seine Posten durch deutsche Häftlinge zu verstärken und jede Weigerung nach Standrecht zu erschiessen. So hat sich keiner mehr geweigert, zumal uns bekannt war, die amerik. Panzerspitze sei schon von Augsburg gemeldet. Wir wurden von Moll verteilt, so daß je 2 aktiv. Posten einen Häftling hatten und keiner durfte die ihm zugewiesenen Posten verlassen. ... In Dachau vor dem Tor des K.L. angelangt, glaubten wir, nun das Gewehr abgeben zu dürfen und wieder mit den anderen Häftlingen ins K.L. zu marschieren. Stattdessen mußten wir in die SS Unterkunft folgen, wurden im Laufe des Vormittages eingekleidet, des Mittags beim Generalappell antreten, wo Obersturmbannführer Weis uns begrüßte mit den Worten, wir sollten vergessen wie sie vergessen wollen, es müßte uns eine Ehre sein, würdig gefunden zu werden, in den Reihen der SS mit zu marschieren! Auf Wunsch des Moll wurden wir seinem Zuge zugeteilt."[7]

Die Stimmung unter der SS war sehr unterschiedlich. "Der eine sagte, es sei ihm ganz gleichgültig, ob wir davonliefen oder nicht, er dächte nicht daran, uns die Knochen kaputtzuschießen; der andere wieder lehnte jede Verständigung ab und betonte, daß er seine Pflicht als SS-Mann bis zur letzten Minute erfüllen würde", berichtet Hermann Riemer.[8] Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang eine tödlich verlaufene Auseinandersetzung unter SS-Leuten in Dorfen. Dort hatte eine Gruppe von sechs bis acht SS-Unterführern und Offizieren eine Unterredung über ihr weiteres Vorgehen.  Einer der SS-Männer legte wenig später seine Uniform ab und zog sich Zivilkleidung an. Ein älterer SS-Mann kritisierte dieses Verhalten heftig, woraufhin er von einem anderen SS-Mann erschossen wurde.[9] Während die einen SS-Leute meinten, weiter fanatisch ihre Pflicht erfüllen zu müssen, häuften sich mit Fortgang des Marsches und der näherrückenden Front die Fälle von Desertionen.


[1]

KZGD: 9.681: Bericht des ehemaligen Häftlings Gehrke, Robert. 

[2]

Riemer, a.a.O., S. 188

[3]

KZGD: 6585: Eidesstattliche Erklärung von Fritz Degelow vom 04.11.1945.

[4]

KZGD: 6604: Eidesstattliche Erklärung von Albin Gretsch vom 31.10.1945.

[5]

ebd.

[6] 

Riemer, a.a.O., S. 187.

[7]

BayHStA: Dachau-Prozeß, Mikrofilm 89: Metzler, Wilhelm: Schreiben an das Rote Kreuz.

[8] 

Riemer, a.a.O., S. 188.

[9]  

Wimmer, a.a.O.,  S. 205 ff.


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Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945.

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