Widerstand der KZ-Häftlinge

Trotz der strengen Bewachung, der ständigen Misshandlungen durch die SS und der allgemein schlechten Verfassung der Häftlinge kam es vor, dass Häftlinge Widerstand leisteten. In erster Linie bestand der Widerstand der Häftlinge darin, das Marschtempo, wo es nur ging, zu verlangsamen und so die Distanz zu den näherrückenden Amerikanern und schließlich zum lange ersehnten Tag der Befreiung zu verringern. Heinrich Pakullis berichtet in diesem Zusammenhang über den Widerstand kommunistischer Häftlinge:

"Die stets aktiven Kommunisten verständigen Freunde und Bekannte, den Weitermarsch zu stören, die Kolonnen zu verlängern, das Tempo zu verlangsamen. Bei jeder Gelegenheit legten wir uns nieder und warteten, bis die stark beschäftigte SS uns weitertrieb."[1]

Und er berichtet weiter:

"Böttcher ist ganz verzweifelt. Die Kolonnen rücken kaum von der Stelle. Ruppert fragte nach der Ursache. Die Kerle setzen sich einfach hin. 'Ja und die Posten?' 'Setzen sich daneben!' 'Durchgreifen! Aufhängen!' heißt es. Mehrere Wehrmachtsposten sollen niedergeschossen und aufgehängt worden sein."[2]

In Wolfratshausen weigerten sich KZ-Häftlinge, weiterzumarschieren, doch die SS griff durch:

"Die SS-Wachen rufen: 'Alles antreten! Weitermarschieren!' Wütende Gegenrufe der Häftlinge: 'Gebt uns was zu fressen! Leckt uns am Arsch!' So was war in Dachau noch nicht vorgekommen. Böttcher ist im Auto angekommen. Er ist über die ungewohnte Dreistigkeit so verwundert, daß er ein freundliches Gesicht macht. Alles johlt und brüllt. Dann kracht es. Ziegelstaub spritzt von der Gartenmauer. Ein Mann wirft die Arme in die Luft. Ein Strom von Häftlingen wälzt sich nach der Straße zu, und sie fallen übereinander. Die verdammten Hunde reißen den Fliehenden die Kleider vom Leibe. Manche sind starr vor Schrecken und werden entsetzlich zugerichtet. Mit Gewehrkolben werden sie weitergetrieben."[3]

Auch von anderen Häftlingsgruppen wird berichtet, dass sie das Marschtempo ganz gezielt verlangsamten und sich sogar weigerten, weiterzumarschieren. Zu diesem Zweck sollen an die Spitze einer Marschgruppe aus dem Lager Kaufering XI vom Lagerkapo die Frauen plaziert worden sein.[4] Einem anderen Bericht zur Folge hatte der Lagerarzt großen Einfluss auf den die Gruppe leitenden, SS-Angehörigen und konnte daher immer wieder Pausen durchsetzen.[5] In Buchberg weigerten sich die Häftlinge schließlich, weiterzumarschieren, und das anscheinend mit Erfolg. Ferencné Lengyel gab am 29.08.1945 zu Protokoll:

"Von hier aus wollten sie uns weitertreiben, aber die ganzen Frauen haben sich geweigert, sie sagten, erschießt uns lieber, aber wir gehen nicht weiter. Wir haben erreicht, daß sie uns vorübergehend für zwei Tage hier gelassen haben."[6]

An dem Lagerplatz Bolzwang bei Achmühle weigerten sich ebenfalls Häftlinge, weiterzumarschieren. Es wird berichtet, dass die Häftlinge sogar entschlossen gewesen sein sollen, "den Weitermarsch, wenn es sein mußte, mit Gewalt zu verhindern".[7] Sogar ein Überfall auf die Wachmannschaft, berichtet ein ehemaliger Häftling, soll geplant gewesen sein:

"Als wir trotzdem die Nacht vor dem Abmarsch den geplanten Überfall auf die Bewachungsmannschaften durchführen wollten, eröffneten diese bei eintretender Dunkelheit ein Gewehr- und Maschinenpistolenfeuer auf unser Lager, welches bis zum Morgengrauen anhielt und viele Todesopfer kostete."[8]

Während der Nachtmärsche, berichtet er weiter, kam es vor, "daß einzelne SS-Leute und Soldaten von Häftlingen in der Dunkelheit erschlagen wurden". Viele andere Häftlinge nutzen die Dunkelheit der Nacht und jeden unaufmerksamen Moment der Wachmannschaft, um zu fliehen. Pater Otto Pies, der wenige Tage vor Beginn des Todesmarsches aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen worden war, schildert ausführlich, wie er geholfen hat:

"Am 28. April 1945 ging der Todesmarsch nahe an unserem Haus vorüber. Ich kam am Mittag aus der Stadt München nach Hause, sah die furchtbaren Spuren des Marsches und erfuhr bald, was geschehen war. Ich fuhr per Fahrrad mit einem meiner Theologen, Franz Kreis S.J., der als entlassener Oberleutnant der Wehrmacht noch das Recht zum Tragen der Uniform hatte, dem Zug nach, um die Richtung und evtl. den Lagerplatz festzustellen. Hinter Wolfratshausen kamen wir mitten in den Zug hinein. Wir verteilten heimlich Kleidungsstücke und Lebensmittel, pendelten mehrmals mit gewechselten Hüten und Mänteln hin und her, um alles auszuforschen und Bekannte zu sprechen und auf Rettungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen. Am späten Abend brachten wir liegengebliebene Marode mit Lastkraftwagen zum Lagerplatz und luden die Leute ab. Kreis hatte nach Verabredung die Priester im Walde geweckt und zum Auto beordert. Während ich die Maroden ablieferte, wurden gleichzeitig im Dunkeln und in der Aufregung unbemerkt zehn Priester im Wagen versteckt und im Eiltempo mitgenommen. Unterwegs hatte ich bereits andere im Walde versteckt, u.a. Prinz Löwenstein, der nicht mehr weiter konnte; diese wurden mitgenommen und vom Pfarrhaus Wolfratshausen aus nach Rottmannshöhe in Sicherheit gebracht...

Die übernächste Nacht wurde das Rettungswerk noch einmal versucht, diesmal besser vorbereitet. Wir holten aus den Münchner Magazinen der Wehrmacht, während die Bevölkerung alles plünderte und die Amerikaner den Ring um München schlossen und die Granaten und Panzerfäuste krachten, den Wagen voll Lebensmittel und fuhren mit diesen dem Zug wieder nach. Einen Fahrbefehl hatte der Chef des in unserem Kolleg Pullach untergebrachten Reservelazarettes ausgestellt. In der Nacht überbrachten wir die Lebensmittel für die Gefangenen, Zigaretten und Schnaps für die Wachmannschaften. Der verantwortliche SS-Führer ließ sich überrumpeln und überreden, die Leute zum Empfang der mitgebrachten Lebensmittel zu wecken und die Fußkranken für Lazarettbehandlung mitzugeben. Er war durch unser Auftreten und wohl auch durch die Feindnähe so beeindruckt, daß er nicht einmal nach Papieren oder anderen Ausweisen fragte. Es gelang, noch einmal zwanzig Priester in den Wagen zu laden und in die Nacht hinein zu verschwinden. So wurden im ganzen von den neunundachtzig Teilnehmern am Marsch fünfunddreißig gerettet, viele andere sind unterwegs auf eigene Gefahr hin entlaufen."[9]

Karl Weber, ein ehemaliger Häftling des Dachauer Kommandos "Präzifix", dass mit der Dachauer Häftlingskollonne auf Marsch geschickt wurde, berichtet, dass sie sich am 1. Mai 1945 bei Wolfratshausen selbst befreiten, indem sie ihre Bewacher entwaffneten und festnahmen. Anschließend marschierten die Häftlinge nach Wolfratshausen, wo sie die SS-Leute amerikanischen Soldaten übergaben.[10]


[1] 

KZGD: 233: Bericht des ehemaligen Häftling Pakullis, Heinrich.

[2]

ebd.

[3]

ebd.

[4]

KZGD: 15.321: Aussage des ehemaligen Häftlings Treyger, M.

[5]

IGG: 071193: Schreiben von Hahn, Franz.

[6]

Yad Vashem: 015/1954: Protokollierte Aussage von Lengyel, Ferencné.

[7]

Deumlich, Paul in: Hitzer, a.a.O., S. 82 ff.

[8]

ebd.

[9]

Hess, P. Sales: Dachau, Eine Welt ohne Gott. Nürnberg 1948, S. 229 f.

[10]

Weber, a.a.O., S. 58 f.

 

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Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945.

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