Die Rolle der Bevölkerung

Die Reaktionen aus der Zivilbevölkerung auf den Vorbeizug des Todesmarsches waren sehr unterschiedlich. Diejenigen, die bis zur letzten Stunde in den KZ-Häftlingen "Verbrecher" und "rassisch Minderwertige" sahen, hatten, um sich nicht selber als "Nazi" zu belasten, kein Interesse, ihre damalige Meinung später in Berichten oder vielleicht in Erzählungen öffentlich zu machen und womöglich darin den Todesmarsch und die Zugtransporte oder das Verhalten der Wachmannschaften gegenüber den Häftlingen zu rechtfertigen. Sie haben vielmehr bis heute das Interesse, dass das Ereignis totgeschwiegen wird, um nicht damit konfrontiert zu werden und um nicht doch noch Stellung beziehen zu müssen. Andere hatten dagegen aus demokratischer, antifaschistischer oder einfach aus humanitärer Überzeugung den Willen, die Ereignisse um den Todesmarsch für kommende Generationen festzuhalten, oder aber einfach aus rationellen Beweggründen großes Interesse, sich vom Nationalsozialismus und insbesondere von den auf dem Todesmarsch vorgekommen Misshandlungen und Tötungen zu distanzieren.

Dies sind die Hauptgründe, weshalb Berichte von Zeitzeugen, in denen für die Häftlinge Partei ergriffen wird, in denen eigener Widerstand und eigene humanitäre Hilfe beschrieben und Misshandlungen von Häftlingen, die SS anklagend, festgehalten werden, gegenüber den Berichten von Leuten, die nicht halfen oder helfen konnten, in der Überzahl sind. Die Tatsache, dass fast ausschließlich Berichte und Erzählungen überliefert sind, in denen für die KZ-Häftlinge Partei ergriffen wird, lässt also nicht den Schluss zu, dass automatisch auch der Großteil der Bevölkerung den Häftlingen wohlgesonnen war.

Zweifellos, und damit keine Missverständnisse aufkommen, kann aber festgehalten werden, dass es viele Leute gab, die mutig für die KZ-Häftlinge Partei ergriffen und gegen das Verhalten der Wachmannschaft öffentlich und lautstark protestierten, die sich gegenüber den Häftlingen hilfsbereit zeigten, ihnen Lebensmittel und Wasser reichten oder sogar zur Flucht verhalfen. Dies wird von Zeugen aus der Zivilbevölkerung selbst, von ehemaligen KZ-Häftlingen und sogar vereinzelt von ehemaligen Angehörigen der SS-Wachmannschaft berichtet. So gab der ehemalige SS-Angehörige Albin Gretsch im Oktober 1945 zu Protokoll, dass die Zivilbevölkerung den Häftlingen helfen wollte, dies aber von der SS untersagt wurde.[1] Viele Leute ließen sich ihre Hilfe aber nicht von der SS verbieten. So berichtet ein ehemaliger Häftling über den Durchzug durch Wolfratshausen:

"Als einige Häftlinge, Frauen, die vor den Haustüren standen, um Trinkwasser baten, suchte die SS das zu verhindern. Das war gemein, denn wir hatten seit 14 Stunden nichts mehr zu trinken gehabt. Darüber empörten sich einige Bewohner sehr und vor allem die Frauen nahmen energisch gegen die SS-Bewachung Stellung: 'Laßt die armen Teufel endlich frei, der Krieg ist zu Ende, Hitler ist tot und Göring geflüchtet. Was wollt ihr denn von den Leuten noch? Gebt sie endlich frei!'

Die SS drohte Gewalt anzuwenden, hetzte die Hunde auf uns und wir mußten weiter. Die Frauen schimpften sehr, aber es nützte nichts. Auch am Straßenrand fuhr ein Posten einige Frauen derb an, weil sie unseren Leuten Wasser geben wollten. Ob sie denn nicht wüßten, daß das verboten sei, Häftlingen Wasser zu geben? Eine der Frauen aber gab flink zurück: 'Das geht Sie einen Schmarrn an, wenn ich einem Häftling Wasser gebe, verstehen Sie? Wenn Ihr schon solche Bestien seid, wir können das nicht mehr länger mitansehen!' Der SS-ler schrie zwar zurück: 'Die Hunde sollen verrecken, je eher desto besser!', aber die Leute kümmerten sich nicht darum und etliche Häftlinge bekamen Wasser."[2]

Ein anderer ehemaliger Häftling berichtet:

"Einer Jungen Frau traten die Tränen hervor, als sie unsere Kolonne so dahertrotten sah. Da gerade kein SS-Mann in der Nähe war, sagte sie: 'Leute, Kopf hoch, Mut, stündlich ist das Ende zu erwarten, die Befreier kommen bald für Euch genauso wie für uns', und sie verschwand schnell, denn ein SS-Mann schien beobachtet zu haben, aber er kam schon zu spät."[3]

Der wohl umfangreichste Bericht, in dem die Hilfe der Zivilbevölkerung hervorgehoben und dokumentiert wird, der sich allerdings auf den Raum Wolfratshausen beschränkt, ist der des Pfarrers Ulrich Wimmer, der im Juni/Juli 1965 in mehreren Teilen im Isar-Loisachboten veröffentlicht wurde. Er schreibt unter anderem über die "spontane Hilfe und Nächstenliebe" der Höhenrainer Bevölkerung:

"Flehend und bittend kamen die Gefangenen auf die Ortsbevölkerung zu. 'Hunger, Hunger! Gebt uns Brot, Milch, Kartoffel!' Bäcker Leitner kam schon mit einem Brotkorb daher, um an die Hungernden auszuteilen. Die Frauen schleppten frische kuhwarme Milch zur Straße; Kartoffeln, Brot und sonstige Nahrungsmittel, die sie gerade noch im Haus fanden."[4]

In dem Ort Dorfen, so berichtet Wimmer, kam "die helfende Dorfbevölkerung mit dem Kochen" nicht mehr nach, was zur Folge hatte, daß die zu verteilenden Kartoffeln roh weitergegeben wurden. Laut Wimmer waren es in Dorfen nicht einzelne, die den Häftlingen halfen, sondern der ganze Ort. So schreibt er:

"Aber auch die übrigen Leute im Ort gaben den Menschen zu essen, was sie gerade zur Hand hatten, obgleich die SS-Männer, die ohne Mitempfinden mit dem Gewehrkolben auf die Gefangenen einschlugen. Aber auch in Dorfen gingen Milch, Brot und Kaffee bald zu Ende."[5]

Selten erwähnt wird aber, daß es bis zuletzt auch Leute gab, die nicht in der Lage waren zu helfen, die zuerst vor der SS und später vor den Häftlingen Angst hatten oder die dem Vorbeizug des Todesmarsches weniger Aufmerksamkeit schenkten und in den Häftlingen vielleicht sogar "Gestalten" sahen, die ihrer Meinung nach, entsprechend der nationalsozialistischen Ideologie zurecht in Konzentrationslagern eingesperrt waren.

Ein Augenzeuge des Durchmarsches in Königsdorf schreibt, dass es "nur in ganz seltenen Momenten möglich" war, "den Häftlingen Wasser oder Brot zuzustecken".[6] Eine andere Augenzeugin:

"Da ich nichts zu geben hatte und solches Elend nicht mehr länger ansehen konnte, schloß ich tief bewegt, von Tränen überwältigt, die Haustüre."[7]

Hubertus Lindner, Bürgermeister der Gemeinde Grünwald, berichtet über den Durchzug des Todesmarschs durch Grünwald:

"Man hat ja zuerst einmal an KZ oder so etwas nicht gedacht, sondern gedacht: das sind irgendwelche Kriminelle. Ich als Kind habe damals auch noch gar nicht gewußt, was Konzentrationslager bedeutet, davon hat man höchstens einmal mit vorgehaltener Hand gesprochen, also man hat natürlich zunächst einmal Angst gehabt, was sind das für Leute? Sind das jetzt hunderte von Verbrechern, die hier durchgeführt werden? ... Hilfsversuche aus der Bevölkerung habe ich nicht feststellen können, denn wir haben uns da nicht auf die Straße getraut, das war recht gefährlich, ich kann mich da nicht erinnern, aber es haben andere geholfen, andere haben das offensichtlich besser erkannt, als wir das erkannt haben ..."[8]

Eine Augenzeugin, die als neunjähriges Mädchen den Todesmarsch durch Grünwald ziehen sah, berichtet, dass es vor dem Durchmarsch der Häftlinge eine Anweisung gab, "die Häuser nicht zu verlassen, die Türen abzuschließen, mit der Begründung, daß Verbrecher vorbeiziehen". Sie berichtet weiter:

"Dadurch, daß wir nicht heraus durften, hat man zunächst nicht darauf geachtet, nur die Begleiter haben Durst gehabt, und haben bei uns um Getränke geklopft und wir haben die Begleiter versorgt. Daraufhin sind die Häftlinge natürlich auch bei uns auf die Haustüre zugelaufen, und wir haben, was wir an Gefäßen zuhause hatten, mit Wasser gefüllt und an die Häftlinge gegeben. ... Der Zug kam dadurch etwas ins Stocken und von der Tölzer Straße - daran kann ich mich erinnern - kam ein Mann, der ein ausgesprochener Nazi war, und der hat meine Mutter dann darauf aufmerksam gemacht, daß wir das nicht dürften - wir haben es zwar selbst gewußt - und wir sollen sofort reingehen und das Haus verschließen, weil wir wüßten gar nicht, was wir da anstellen und was uns dafür blühen könnte."

Und unmißverständlich stellt sie fest:

"Von der anderen Zivilbevölkerung war auf der ganzen Tölzer Straße weit und breit niemand zu sehen."[9]

Erwähnenswert sind die Eintragungen in einem Tagebuch eines damals sechzehnjährigen Mädchens, das bei Kriegsende auf einem Bauernhof bei Beuerberg wohnte und die Ereignisse um den Todesmarsch erlebte. Die Tagebucheintragungen ermöglichen einen Einblick in die Gedanken von jemandem, der damals, bedingt durch die nationalsozialistische Erziehung, den Häftlingen gegenüber nicht positiv eingestellt war. Am 30. April 1945 heißt es darin:

"Dafür bekommen wir anderen Besuch, zwei Juden in blauweissgestreiften Sträflingskleidern bitten flehentlich um Kartoffeln. Einer ist angeblich der kranke Bruder des andern. Onkel Helmut läßt sie in die Küche. Da setzen sie sich an den Herd, und Tante Hildegard muss ihnen Kartoffeln kochen. Inzwischen bringt Reinhilt die frisch gewaschene Sigrid zum Gute-Nacht sagen. Als die Juden sie sehen, stürzt einer zu ihr hin und küsst ihr die Füsschen. Es sind so richtige schmierige Juden. ... Sie wollen heute Nacht in der Küche schlafen, und wir können's nicht ändern!"[10]

Und weiter:

"Als die Amerikaner Dachau eroberten, wurde dieses riesige Lager geöffnet, und 30 000 Sträflinge ergossen sich über Oberbayern. ... Da haben wir womöglich noch das Schlimmste zu erwarten!"[11]

Obwohl die schlechte körperliche Verfassung der Häftlinge offensichtlich war, wie das Mädchen selbst schreibt, stand nicht Mitleid und Hilfe im Vordergrund, sondern es wurde  versucht, die Häftlinge fortzujagen:

"Dienstag, den 1. Mai 1945. ... Da sehe ich, wie aus vier, fünf verschiedenen Richtungen die Sträflinge kommen. Es hat in der Nacht geschneit, und nun kommen sie auf schwarzgetretenen Wegen auf unser Haus zu, einer hinter dem anderen, hunderte entsetzliche Gestalten! Ich weiß nicht, was ich sagen soll bei diesem Anblick. ... Wenn man sich diese Gesichter besieht, läuft's einem kalt über den Rücken. Ich kann gar nicht lange hinschaun! ... Wir halten uns oben im Flur auf, Sandra ist immer draussen und redet auf die Sträflinge ein, um sie wegzuscheuchen."[12]

Das Mädchen beschreibt auch die Angst, die sie vor den Häftlingen hatte. So hält sie fest:

"Sie haben Tante Hildegard heute morgen äußert zartfühlend erzählt, wie diese Banditen vor Hunger ihre eigenen Leute aufgefressen haben! Das (waren) sind ja herrliche Aussichten! Ich muß immer nur denken: "Was machen sie mit dir? Wie werden sie dich umbringen?" Ich beneide Tante Hildegard direkt um den Revolver, den sie immer schußbereit in der Hand unter der Schürze hält."[13]


[1]   

KZGD: 6604: Eidesstattliche Erklärung von Gretsch, Albin vom 31.10.1945.

[2]

KZGD: 26.448: Bericht des ehemaligen Häftling Scherz, Franz.

[3]

KZGD: 20.967: Bericht des ehemaligen Häftlings Malina, Leopold.

[4]

Wimmer, a.a.O.

[5]

ebd.

[6]

Immertreu, Dr. Walter, in: Geretsrieder Merkur vom 16.08.89.

[7]

KZGD: 776/I: Protokollierte Aussage von Schwarz, Frieda, vom 12.11.1945

[8]

Lindner, Hubertus, in: Stock, a.a.O., S. 28.

[9]

Stock, a.a.O., S. 29 f.

[10] 

IGG: von Godin, Ruth: Auszug aus einem Tagebuch. Frau von Godin distanziert sich heute von ihrer damaligen Meinung über die KZ-Häftlinge.

[11]

IGG: von Godin, Ruth: Auszug aus einem Tagebuch.

[12]

ebd.

[13]

ebd.

 

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Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945.

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