Zum Umgang mit der Vergangenheit

Grundsätzliches über die Notwendigkeit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen

50 Jahre sind seit der Befreiung vom deutschen Nationalsozialismus und dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen. Die Spuren, die der von Hitlerdeutschland entfesselte Krieg in Europa hinterlassen hat, waren verheerend. Tausende Städte und Dörfer waren in Schutt und Asche gelegt. Etwa 55 Millionen Menschen verloren während des Zweiten Weltkrieges ihr Leben. Allein etwa 11 Millionen Menschen, davon zwischen 5 und 6 Millionen Juden, starben in deutschen Lagern oder wurden systematisch ermordet, bloß weil sie nicht in die Rassenideologie der Nazis passten oder ihrer demokratischen Gesinnung treu blieben. Viele Millionen Menschen waren auf der Flucht, wurden verschleppt, deportiert, ausgewiesen und vertrieben.

Es gibt keinen Ort in Europa, an dem die Nationalsozialisten keine Spuren hinterlassen hätten oder wo sich deren Politik nicht auf die Menschen auf irgendeine Weise ausgewirkt hätte. Für Millionen von Menschen bedeutete Hitler-Deutschland Verfolgung und Tod. Unzählige Menschen, die mit dem Leben davonkamen, haben noch heute psychische und körperliche Schäden, Spätfolgen der Haftbedingungen und von Erlebnissen, die nicht richtig verarbeitet werden konnten. Es sind Narben, die nur schwer verheilen und noch heute, nach Jahren und Jahrzehnten, das Leben der Betroffenen beeinflussen. Es ist nicht möglich, das Erlebte einfach so aus dem Gedächtnis zu löschen. Diejenigen, denen an der Rampe in Auschwitz-Birkenau ihre  Familie, die Geliebte oder die eigenen Kinder entrissen wurden, und die sahen, wie sie in den Tod geführt wurden, diejenigen, die die Leichenberge sahen, die sahen und erlebten, wie Menschen zu Tode gefoltert wurden, werden diese Bilder zeitlebens in sich tragen. Ihre Forderung "Nie wieder" ist mehr als berechtigt. Sie ist Verpflichtung. Die heutige und die kommenden Generationen sind nicht verantwortlich für das, was gewesen ist, doch sie tragen Verantwortung dafür, dass sich derartiges nicht wiederholt.

Den jungen Menschen von heute und von morgen muss die Möglichkeit gegeben werden, aus den Geschehnissen in der Vergangenheit zu lernen. Genauso wie die Fortschritte, die in der Vergangenheit erzielt worden sind, müssen den kommenden Generationen auch die Fehler, die gemacht wurden, vermittelt werden. Nur so ist eine Weiterentwicklung und eine verantwortungsbewusste Gestaltung der Zukunft möglich. Wir müssen uns bewusst sein, dass es in unserer Hand liegt, nicht nur, in welchem Zustand wir den kommenden Generationen die Erde übergeben, sondern auch, was wir ihnen an Wissen vermitteln, dass der Lebensraum der Menschheit erhalten werden und vor seiner Zerstörung bewahrt werden kann und ein friedliches Zusammenleben möglich wird. Es wäre absolut unverantwortlich, wenn die kommenden Generationen noch mal dieselben schrecklichen Erfahrungen machen müssten, bloß weil wir über die eigene Vergangenheit nicht reden und uns nicht damit auseinandersetzen wollen.

Mit "dieselben Erfahrungen" meine ich nicht, dass sich die Geschichte genau so, wie damals wiederholt. Die Geschichte kann sich nicht wiederholen, denn sie ist von den lebenden Menschen abhängig, die Gesellschaft, Politik und Kultur prägen. Und jeder Mensch ist anders. Heute leben andere Menschen als früher. Doch die Ursachen für Gewalt, Krieg, Unterdrückung und Unmenschlichkeit sind heute dieselben wie in der Vergangenheit: das Streben nach Reichtum und Macht.

Es ist von seinem Wissen abhängig, ob der einzelne Mensch heute und in Zukunft sensibel genug ist, die politischen Entwicklungen auf der Erde kritisch zu beobachten, um gefährlichen antidemokratischen Tendenzen vorbeugen und entgegenarbeiten zu können.

Mahnmale als Zeichen gegen das Vergessen

Am 12. Juli 1989 wurde in der Gemeinde Gauting das erste von insgesamt mittlerweile 12 identischen Mahnmalen aufgestellt, die an den Todesmarsch der Dachauer und Kauferinger KZ-Häftlinge im April 1945 erinnern. Die Bronzeplastiken des Künstlers Prof. Hubertus von Pilgrim, die eine Gruppe sich dahinschleppender KZ-Häftlinge darstellen und heute in Fürstenfeldbruck, München-Allach, München-Pasing, Gräfelfing, Planegg, Krailling, Gauting, Aufkirchen, Wolfratshausen, Geretsried und Grünwald den Verlauf des Todesmarsches nachzeichnen, tragen die Inschrift:

HIER FÜHRTE IN DEN LETZTEN KRIEGSTAGEN IM APRIL 1945 DER LEIDENSWEG DER HÄFTLINGE AUS DEM KONZENTRATIONSLAGER DACHAU VORBEI INS UNGEWISSE[1]

Ein Abguss des Mahnmals wurde im November 1992 der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Israel übergeben, und weitere vier Mahnmale sollen zum 50. Jahrestag dieses Ereignisses in Dorfen, Eurasburg, Bad Tölz und Waakirchen/Reichersbeuern aufgestellt werden.

Die Initiative, den Todesmarsch mit identischen Bronzeskulpturen nachzuzeichnen, ging 1985 von der Gemeinde Gauting aus. Damals griff der Gautinger Bürgermeister Ekkehard Knobloch einen Antrag der Grünen und der SPD auf, zur Erinnerung an den Durchzug der KZ-Häftlinge durch Gauting ein Mahnmal zu errichten. Er regte daraufhin in einem Schreiben an rund 20 andere Städte und Gemeinden an, dem Beispiel Gauting zu folgen, um so die Route des Häftlingsmarsches zu dokumentieren.

Auch in Landsberg am Lech und in Starnberg erinnern heute Mahnmale an die Räumung der Konzentrationslager Kaufering und Dachau im April 1945. Das in Landsberg stammt von dem Künstler Heinz Skudlik und stellt sich vorwärts schleppende KZ-Häftlinge unter einem zerbrechenden Hakenkreuz dar. Seine Inschrift lautet:

HIER FÜHRTE ENDE APRIL 1945 DER LEIDENSWEG JÜDISCHER HÄFTLINGE DES KZ-KOMMANDOS LANDSBERG/KAUFERING VORBEI IN RICHTUNG DACHAU

Das bei Starnberg aufgestellte Mahnmal wurde von dem Künstler Walter Habdank gefertigt. Der 2,50 Meter hohe und rund sieben Tonnen schwere Gedenkstein soll den aufrechten Charakter der gepeinigten Menschen symbolisieren. Seine Inschrift lautet:

AUF DIESER STRASSE WURDEN IN DEN LETZTEN TAGEN DES 2. WELTKRIEGES MEHR ALS SIEBENTAUSEND GEFANGENE AUS DEM KONZENTRATIONSLAGER DACHAU IN EIN UNGEWISSES, DUNKLES SCHICKSAL GETRIEBEN: FÜR VIELE FÜHRTE DIESER LEIDENSWEG IN DEN TOD. SIE WAREN OPFER EINER MENSCHENVERACHTENDEN NATIONALSOZIALISTISCHEN GEWALTHERRSCHAFT: SIE RUFEN UNS AUF ZU VERSÖHNUNG UND NÄCHSTENLIEBE.

- GOTT WIRD DEN TOD VERSCHLINGEN AUF EWIG: DER HERR WIRD ABWISCHEN DIE TRÄNEN VON JEDEM ANGESICHT - (JESAJA 25,8)

Widerstand gegen das Erinnern

Während der Gautinger Gemeinderat mit nur einer Gegenstimme das Projekt, den Verlauf des Todesmarsches mit identischen Mahnmalen nachzuzeichnen, befürwortete, stieß die Idee nicht überall auf Zustimmung.[2] Nicht einmal ein Drittel der angeschriebenen Städte und Gemeinden wollten sich der Gemeinde Gauting anschließen.[3] Die Städte Geretsried und Bad Tölz und die Gemeinden Reichersbeuern, Gmund, Bad Wiessee, Tegernsee und Rottach-Egern antworteten seinerzeit auf die Anfrage des Gautinger Bürgermeisters Knobloch erst gar nicht.[4]

Die Stadt Geretsried etwa reagierte erst, als das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" drei Jahre später berichtete, Geretsried hätte ein Mahnmal abgelehnt. Die Stadtverwaltung behauptete daraufhin, Nachforschungen hätten ergeben, Geretsried wäre keine Station des Todesmarsches gewesen.[5] Als diese Behauptung von einer örtlichen Geschichtswerkstatt widerlegt wurde, sprach sich der damalige Geretsrieder Bürgermeister Gerhard Hasreiter dennoch gegen ein Mahnmal aus, mit der Begründung, in der Geschichte von Geretsried würden die Heimatvertriebenen die Hauptrolle spielen.[6] Der Geretsrieder Kulturreferent befürchtete gar, dass das Schicksal der KZ-Häftlinge mit der Aufstellung eines Mahnmals gegenüber den Kriegsopfern und Heimatvertriebenen "hochgeschaukelt" würde und ein Stadtrat der "Republikaner" sah darin sogar eine Beleidigung für die an der Front gefallenen deutschen Soldaten.[7] Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit der Interessengemeinschaft GESCHICHTE GERETSRIED und in Zusammenarbeit mit den "Grünen" im Geretsrieder Stadtrat konnte das Mahnmal jedoch durchgesetzt werden.

Ablehnend verhielt sich auch die Gemeinde Königsdorf. Der damalige Königsdorfer Bürgermeister Hans Baader argumentierte so: "Nach Auffassung der Königsdorfer Gemeinderäte ist auch unter Würdigung der schweren Leiden der Opfer die Zahl der vorhandenen zentralen Denk- und Mahnmale ausreichend." Und ganz persönlich fügte er hinzu: "Wir alle wissen, welches Unrecht den Häftlingen im Konzentrationslager Dachau widerfahren ist, und manche von uns haben es noch selbst erlebt. Deshalb sollten auch an Zentralen Stellen Mahnmale stehen, die daran erinnern und dafür sorgen, dass sich solche Taten nicht wiederholen. Im Interesse einer gemeinsamen Zukunft und damit im Interesse der überlebenden Opfer muß jedoch auch einmal ein Vergessen auf beiden Seiten eintreten."[8] Mit einer ähnlichen Begründung sprach sich auch die Gemeinde Wackersberg gegen ein Mahnmal aus. Nach so vielen Jahren sei es an der Zeit, "die Sache ruhen zu lassen".[9]

Auch die Aufstellung eines Mahnmals in Seeshaupt, das an die Opfer eines Zugtransportes mit KZ-Häftlingen aus den Dachauer Außenlagern bei Mühldorf erinnern soll, und das nun zum 50. Jahrestag errichtet wird, war in der Gemeinde stark umstritten. Ein Gemeinderat von der Freien Wählergemeinschaft fürchtete um den "Dorffrieden". Und eine Gemeinderätin der selben Wählervereinigung prophezeite, den Fall geradezu heraufbeschwörend: "Die Schändung des Kunstwerkes wird kommen, da bin ich ganz sicher."[10] Noch deutlicher äußerte sich ein Gemeinderat der CSU: "Die ganze Geschichte mit dem Mahnmal schafft nur böses Blut." Und er fügte hinzu: "Sie werden sehen, dass das Ding beschmiert und kaputtgemacht wird." Außerdem gebe es keinen Grund, "dass sich die jungen Leute so etwas immer noch ansehen müssen".[11] Mahnmalsgegner zogen schließlich von Haus zu Haus und sammelten über 700 Unterschriften. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung lagen Unterschriftenlisten sogar in einem Schreibwarenladen und einem Massagesalon aus.[12]

Einer der Häftlinge, die per Güterzug nach Seeshaupt kamen, und der dort am 30. April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit wurde, war Lois Sneh. Er war damals 17 Jahre alt und wog nur noch 39 Kilo. Heute lebt er in den Vereinigten Staaten von Amerika. "Vor kurzem fragte ihn seine Enkeltochter, warum er noch am Leben sei - in der Schule habe sie gehört, dass Leute wie Anne Frank alle sterben mussten. Er weint, als er dies erzählt."[13]

Jedes Mahnmal bezieht Position gegen Ungerechtigkeit

Mit der Aufstellung der Mahnmale zur Erinnerung an den Todesmarsch der Dachauer und Kauferinger KZ-Häftlinge und an den Zugtransport aus Mühldorf wurden wichtige Zeichen gesetzt, Zeichen gegen das Vergessen und für die Bereitschaft, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen und daraus zu lernen. Die Mahnmale erinnern nicht nur an die Opfer des nationalsozialistischen Terror-Regimes, die wegen ihrer Nationalität, ihrer Religionszugehörigkeit oder ihrer politischen Überzeugung verfolgt und ermordet wurden. Mit der Aufstellung der Mahnmale wird auch ganz klar Position bezogen: Position gegen all jene, die die Menschenrechte mit Füßen treten, die Menschen erster und zweiter Klasse machen. Position gegen all jene, die sich die Schwächsten der Gesellschaft als Opfer aussuchen und für alles Schlechte verantwortlich machen. Jedes einzelne Mahnmal ist eine Warnung für die Zukunft.


[1] 

Auf dem Mahnmal, das in Fürstenfeldbruck aufgestellt wurde, heißt die Inschrift: "Hier führte in den letzten Kriegstagen im April 1945 der Leidensweg der KZ-Häftlinge aus den Todeslagern Kaufering-Landsberg vorbei ins Ungewisse."

[2] 

Süddeutsche Zeitung vom 08./09.07.1989

[3]

Der Spiegel vom 24.07.1989

[4]

Süddeutsche Zeitung vom 08./09.07.1989

[5] 

Geretsrieder Merkur vom 05./06.08.1989

[6]

Geretsrieder Merkur vom 25./26.11.1989

[7]

Geretsrieder Merkur vom 15.11.1990

[8]

Süddeutsche Zeitung vom 08./09.07.1989

[9] 

Süddeutsche Zeitung vom 13.01.1995

[10]

Süddeutsche Zeitung vom 11.02.1994

[11]

Süddeutsche Zeitung vom 09.04.1994

[12]

Süddeutsche Zeitung vom 09.04.1994 und 23./24.04.1994

[13]

die tageszeitung vom 23.07.1994

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Inhalt

Anhang

Todesmarsch. Die Räumung und Teilräumung der

Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945.

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